Rund 900 Mitgliedswinzer & Familien betroffen
Rund zehn Wochen vor Beginn der Weinlese trifft eine schlechte Nachricht die badische Weinbranche: Die Winzergenossenschaft „Winzer von Baden eG“ mit Sitz im nordbadischen Wiesloch bei Heidelberg wird Anfang Juli 2026 einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen. Betroffen sind rund 900 Mitgliedswinzer und ihre Familien in der Region Rhein-Neckar.
Größter Weinerzeuger an der Badischen Bergstraße
Die „Winzer von Baden eG“ gilt als größter Weinerzeuger an der Badischen Bergstraße und im Kraichgau. Die Mitglieder bewirtschaften gemeinsam etwa 590 Hektar Rebfläche, angebaut werden unter anderem Riesling, Gewürztraminer und Auxerrois. Die Wurzeln der Genossenschaft reichen bis in die 1930er-Jahre zurück.
Als Grund für den Insolvenzantrag nennt die Geschäftsführung, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Weinbranche in den vergangenen Monaten nochmals deutlich verschlechtert hätten. Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender Matthias Göhring erklärte gegenüber dem Fachportal „Weinwirtschaft“, angesichts der angespannten Marktlage sei eine tiefgreifende Restrukturierung unumgänglich: „Mit der Expertise des vorläufigen Insolvenzverwalters und unserem motivierten Team werden wir alles daransetzen, das Unternehmen neu auszurichten, um die Marke Winzer von Baden zu erhalten.“
Bereits Vorzeichen im Jahr 2025
Erste Warnsignale gab es schon länger. Berichten der Rhein-Neckar-Zeitung zufolge musste die Genossenschaft bereits 2025 die Auszahlung des sogenannten Traubengeldes – das Entgelt für die von den Winzerinnen und Winzern abgelieferten Trauben – aus dem März in den Sommer verschieben. Auch im Dezember 2025 wurden den Mitgliedswinzern nur zwei von vier fälligen Raten ausgezahlt. In den vergangenen Monaten hatten zudem mehrere zuliefernde Ortsgenossenschaften, darunter Kürnbach, Sulzfeld und zuletzt Zeutern, ihre Mitgliedschaft gekündigt.
Was die Insolvenz für Beschäftigte und Winzer bedeutet
Die Genossenschaft beschäftigt rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deren Löhne und Gehälter sind für die kommenden Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Der Geschäftsbetrieb soll – vorbehaltlich der Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters – zunächst nahtlos weiterlaufen: Verkauf und Auslieferung an Kunden und Gastronomiepartner sollen wie gewohnt fortgesetzt werden.
Für die rund 60 Nebenerwerbswinzer der mittlerweile ausgetretenen Genossenschaft Zeutern sorgt die Entwicklung dennoch für Unruhe, da offene Forderungen gegenüber den „Winzern von Baden“ im Raum stehen. In den kommenden Wochen soll der vorläufige Insolvenzverwalter gemeinsam mit der Geschäftsführung eine detaillierte Restrukturierungsplanung erarbeiten. Ziel sei es, so die Geschäftsleitung, das operative Geschäft zu stabilisieren und zugleich tragfähige Lösungen für Gläubiger, Kunden und Partner zu finden.
Eine Branche unter Druck
Der Fall der „Winzer von Baden“ steht nicht für sich allein. Der deutsche Weinbau steckt nach Einschätzung von Branchenvertretern in der größten Krise der vergangenen Jahrzehnte. Der Deutsche Bauernverband beschreibt die wirtschaftliche Lage als „dramatisch“: Fassweinpreise lagen zuletzt 40 bis 60 Cent unter Produktionskosten von rund 1,20 Euro. Bauernpräsident Joachim Rukwied rechnet damit, dass in erheblichem Umfang Rebflächen verloren gehen werden. Der Marktanteil deutscher Weine im Inland ist mittlerweile auf rund 41 Prozent gesunken, zusätzlich belasten hohe Energie- und Lohnkosten sowie US-Zölle auf Exporte die Betriebe.
Auch die Erntemenge spiegelt die schwierige Lage wider: Die Weinlese 2025 fiel mit 7,3 Millionen Hektolitern um 16 Prozent unter den Zehnjahresschnitt – der niedrigste Stand seit 2010. Besonders betroffen waren die großen Anbaugebiete Rheinhessen, Pfalz, Baden und Württemberg.
Deutsche trinken deutlich weniger Wein
Hinter der Krise steht ein tieferliegender Trend: Der Weinkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren kontinuierlich. Nach der aktuellen Weinkonsumbilanz des Deutschen Weininstituts (DWI) tranken über 16-Jährige im Weinwirtschaftsjahr 2024/2025 (1. August 2024 bis 31. Juli 2025) durchschnittlich 21,5 Liter Wein pro Kopf – ein Rückgang von 0,7 Litern beziehungsweise etwa einer Flasche gegenüber dem Vorjahreswert von 22,2 Litern.
Der Blick über mehrere Jahre zeigt das Ausmaß der Entwicklung noch deutlicher: Im Weinwirtschaftsjahr 2020/21 lag der Pro-Kopf-Konsum noch bei 24,3 Litern. Innerhalb von vier Jahren ist der Konsum damit um 2,8 Liter pro Kopf gesunken – ein Rückgang von mehr als elf Prozent. Auch beim Schaumwein zeigt sich ein ähnliches, wenn auch schwächeres Bild: Der Pro-Kopf-Konsum sank zuletzt nur leicht um 0,1 Liter auf 3,5 Liter, ist seit 2014 aber ebenfalls um rund eine Flasche pro Person zurückgegangen. In Summe kamen die Deutschen im vergangenen Weinwirtschaftsjahr auf einen theoretischen Pro-Kopf-Verbrauch von 25 Litern für Wein und Schaumwein zusammen.
DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes führt die Entwicklung auf mehrere Faktoren zurück: ein bewussteres Konsumverhalten insbesondere jüngerer Zielgruppen, gestiegene Lebenshaltungskosten und den demografischen Wandel in Deutschland. Aus Sicht des Instituts handelt es sich dabei nicht um eine vorübergehende Delle, sondern um einen strukturellen Wandel im Trinkverhalten. Auch beim Einkauf zeigt sich das veränderte Verhalten: 2024 kauften laut DWI vier Prozent weniger Haushalte überhaupt noch Wein ein, und wer kaufte, achtete deutlich stärker auf den Preis. Internationale Weine profitierten davon, da sie mit durchschnittlich 3,72 Euro pro Liter günstiger waren als deutsche Weine mit 4,47 Euro pro Liter.
Fazit
Die drohende Insolvenz der „Winzer von Baden eG“ ist mehr als ein Einzelfall – sie ist ein Symptom für den tiefgreifenden Strukturwandel, in dem sich der deutsche Weinbau derzeit befindet. Steigende Kosten, sinkende Nachfrage, ein verändertes Trinkverhalten und wachsender Importdruck setzen Winzergenossenschaften bundesweit unter erheblichen Druck. Ob es der traditionsreichen Genossenschaft aus Wiesloch gelingt, sich im Rahmen des Insolvenzverfahrens neu aufzustellen und die Marke zu erhalten, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Symbolbild: KI

