Freiburg

Freiburg – Haid Mord: „Ich wollte gar nicht schießen“

Blumen an der Tötungsstelle in Freiburg Haid
Written by BSF

Der Prozess rund um den Mord im Freiburger Gewerbegebiet Haid hat begonnen und sorgt bundesweit für Aufsehen, weil ein Freiburger Strafverteidiger den Auftrag zu einem Mord erteilt haben soll. Nur: Fragen kann man ihn nicht mehr, weil er in seiner Untersuchungshaft-Zelle in der JVA Offenburg zwischenzeitlich tot aufgefunden wurde. Die Auffindesituation deutet auf Selbstmord hin, – aber ob das so ganz freiwillig geschehen ist, wird man wohl nie erfahren. Im Gefängnis gelten eigene Umgangsformen der Gefangenen untereinander.

Toter Anwalt ist ein Verfahrenshindernis

Da der Tod des Anwalts juristisch als Verfahrenshindernis gilt, kann ein Prozess gegen den toten Anwalt nicht stattfinden. Vor Gericht muss sich jedoch ein junger Mann, Anfang 30 verantworten, der mit einer Pistole im Juli 2019 nachts einen als Drogenhändler bekannten jungen Mann (Niklas E.) erschossen haben soll. Er hat bei der Polizei und auch bei der Gerichtsverhandlung bereits zugegeben, die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben.

Pistole ohne Absicht benutzt

Allerdings gab der mutmaßliche Mörder an, das Opfer nicht absichtlich, bzw. in Notwehr erschossen zu haben. Warum er dann allerdings mit durchgeladener Pistole nachts in ein Industriegebiet fährt und die Pistole auf das Opfer richtet, konnte er dann doch vor Gericht nicht so richtig erklären. Ein von ihm vorgebrachter Erklärungsansatz, es sei Notwehr gewesen, klingt nur wenig glaubwürdig, weil in einer Kampfsituation nur schwerlich zwei gezielte Kopfschüsse auf den Kopf möglich gewesen wären.

Staatsanwalt hat andere Theorie

Die Staatsanwaltschaft hat eine ganz andere Theorie: Ein Freiburger Anwalt, der regelmäßig in dem Lokal (Cheers) in Freiburg verkehrte, in dem der mutmaßliche Mörder als Koch beschäftigt war, habe dem Koch 50.000 Euro in Aussicht gestellt, wenn er einen Drogenhändler umbringe. Der Anwalt hätte Gelder für einen Mandanten verwahrt, der als Drogenhändler gilt und dem Koch angeboten, davon 50.000 Euro auszuzahlen, wenn der Koch den Drogen-Mandanten umbringe. Zu diesem Zweck stellte der Anwalt eine Pistole zur Verfügung und seinem zu tötenden Mandanten in Aussicht, dass er nachts eine Waffe kaufen könnte. So wurde das spätere Opfer zum Tatort gelockt. Von der Waffe sah er im Wesentlichen das Mündungsfeuer als zwei Kugeln seinen Kopf trafen. Er war sofort tot.

Täter gab sofort das Geld aus

Für die Theorie der Staatsanwaltschaft, die in groben Zügen vom mutmaßlichen Opfer als richtig anerkannt wurde, spricht auch, dass der mutmaßliche Mörder vor dem Tatzeitpunkt hoch verschuldet war und nach der Tat plötzlich Schulden ablöste, ein Auto und ein Handy kaufte. Dafür, dass er eigentlich verschuldet war und in Privatinsolvenz steckte, ziemlich große Investitionen.

Der mutmaßliche Täter, der sich nunmehr vor Gericht verantworten muss, steht noch unter Bewährung und ist vorbestraft – wegen Förderung der Prostitution. So manch Freiburger dürfte ihn kennen, war er doch maßgeblich an einem Etablissement beteiligt, welches Außenstehende auf den ersten Blick als „Swingerclub“ bezeichnen würde. Es ist noch nicht so lange her, da sorgte ein solcher Club, mal als „Woodland“, mal als „Relax“, mal als „Manege Club“ in Gundelfingen für Aufsehen, da im Gewerbegebiet nahe der Metro keine Vergnügungsstätten erlaubt waren. Beim mutmaßlichen Täter hat dieses Engangement vor allen Dingen eines hinterlassen: Schulden. Diese wollte er – nach Ansicht der Ermittler – mit seiner Tat und der Entlohnung dafür auch abbauen.

Die Fehler der Möchtegern-Verbrecher

Der Koch, der in der Jugend schon früh die Realschule verlassen musste, weil seine Lehrer der Auffassung waren, die Anforderungen einer Hauptschule wären eher für ihn geeignet, hat es den Ermittlern allerdings – genau wie der Freiburger Anwalt L. recht einfach gemacht. Beide glaubten neunmalschlau gehandelt zu haben, aber die Ermittler kamen den beiden schnell auf die Schliche.

  • Bei einer Überprüfung des Umfelds des Opfers (Niklas E.) kamen die Ermittler schnell auf den Rechtsanwalt, dessen Mandant das Opfer war. Bei einer Befragung verstrickte sich der Anwalt in Widersprüche.
  • Auf dem Computer des Anwalts konnte der Suchverlauf rekonstruiert werden, dort wurde exakt nach der Tatortadresse gesucht. Und zwar am Tattag – vor der Erschießung.
  • Die Waffe, die in Teilen in Gewässern versenkt wurde, wurde so versenkt, dass man mit den Geodaten aus Handy und Auto es nicht so richtig schwer hatte, die Stelle zu finden, wo die Tatwaffe, bzw. deren Bestandteile ins Wasser geworfen waren. Taucher fanden die Bestandteile nach kurzer Suche dort wieder.
  • Der mutmaßliche Mörder ist zwar zur Tat mit dem Fahrrad gefahren, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, dass jemand das Kennzeichen sieht oder die Geodaten des Fahrzeugs analysieren kann, aber er hat sich kurz nach der Tat bereits mit dem Anwalt getroffen. Dabei das Handy mit Standortfreigabe mitzunehmen, hat sich nicht als hilfreich erwiesen
  • Eine Überprüfung der Gewohnheites des Anwalts ergab, dass er sehr häufig im Restaurant war, wo der Koch arbeitete und mit diesem einen vertrauensvollen Umfang pflegte.
  • Der Koch, der sonst durch Privatinsolvenz eher knapp bei Kasse war, verfügte plötzlich nach der Tat über viel Geld, ein neues Handy und ein neu angeschafftes Auto.

Das Gericht hat an den weiteren Verhandlungstagen zu verdichten, welche Version der Tat stimmt. Aus Sicht des ersten Verhandlungstages dürfte eine vom Angeklagten vorgebrachte Version allerdings wenig glaubhaft sein: Er wollte seinem Gegenüber eigentlich nur die Waffe für 1.500 Euro verkaufen und dann wieder gehen. Warum er diese dafür vor der Begegnung allerdings dann durchgeladen hat, konnte er nicht so recht erklären.

Opfer-Familie als Nebenkläger

Die Familie des Opfers verfolgt den Prozess aus der Nebenkläger-Position. Wenngleich das eigene Kind mit Drogen gehandelt hat, so bleibt es doch das eigene Kind. Besonders tragisch ist für die Familie, dass mit der Ermordung des Sohnes bereits das zweite Kind auf tragische Weise verloren hat. Eine Tochter ist zuvor bei einem Vulkanausbruch ums Leben gekommen.

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