2. Okt. 2026
Einleitung: Legal heißt nicht harmlos
Seit dem 1. April 2024 ist der Besitz und Eigenanbau von Cannabis für Erwachsene in Deutschland unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Das Cannabisgesetz (CanG) hat eine jahrzehntelange Debatte beendet – zumindest auf juristischer Ebene. Die medizinische und wissenschaftliche Debatte über die gesundheitlichen Folgen ist dagegen keineswegs abgeschlossen. Im Gegenteil: Gerade weil Cannabis nun leichter zugänglich ist, lohnt sich ein nüchterner Blick auf das, was Forschende in den vergangenen Jahrzehnten über die Risiken herausgefunden haben.
Dieser Artikel konzentriert sich bewusst auf den regelmäßigen Konsum. Gemeint ist damit in der Forschung meist ein wöchentlicher bis täglicher Gebrauch über Monate oder Jahre. Gelegentlicher Konsum einzelner Erwachsener ist ein anderes Thema und birgt nach heutigem Wissensstand deutlich geringere Risiken. Viele der hier beschriebenen Gefahren treten dosisabhängig auf: Je häufiger, je früher im Leben und je potenter das konsumierte Cannabis, desto größer das Risiko.
Wichtig ist auch eine methodische Vorbemerkung. Ein großer Teil der Cannabisforschung beruht auf Beobachtungsstudien. Diese zeigen Zusammenhänge, beweisen aber nicht automatisch Ursache und Wirkung. Menschen, die viel kiffen, unterscheiden sich oft auch in anderen Merkmalen – etwa beim Tabak- und Alkoholkonsum, beim sozialen Umfeld oder bei bereits bestehenden psychischen Belastungen. Gute Studien versuchen, diese Störfaktoren herauszurechnen. Wo die Beweislage stark ist und wo sie noch Lücken hat, wird im Folgenden jeweils benannt. Alle genannten Studien sind real und im Quellenverzeichnis am Ende aufgeführt.
Wie Cannabis wirkt – und warum es heute stärker ist als früher
Der wichtigste Wirkstoff der Cannabispflanze ist Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Er dockt im Gehirn vor allem an den sogenannten CB1-Rezeptoren an. Diese gehören zum Endocannabinoidsystem, einem körpereigenen Signalnetz, das unter anderem Gedächtnis, Stimmung, Appetit, Schmerzempfinden, Bewegungskoordination und Stressreaktionen mitsteuert. Besonders viele CB1-Rezeptoren finden sich im Hippocampus (Gedächtnis), im präfrontalen Kortex (Planung, Impulskontrolle), in den Basalganglien und im Kleinhirn. Genau dort setzt THC an – und genau dort liegen viele der später beschriebenen Risiken.
Der zweite bekannte Inhaltsstoff ist Cannabidiol (CBD). Es berauscht nicht und wirkt nach bisherigen Erkenntnissen einigen THC-Effekten teilweise entgegen, etwa der angstauslösenden und psychoseähnlichen Wirkung. Das Verhältnis von THC zu CBD spielt deshalb eine wichtige Rolle für das Risikoprofil eines Produkts.
Ein zentraler Punkt in der heutigen Debatte: Das Cannabis von heute ist nicht mehr das Cannabis der 1970er-Jahre. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Tom Freeman und Kollegen von der University of Bath, veröffentlicht 2021 in der Fachzeitschrift Addiction, wertete internationale Daten von 1970 bis 2017 aus. Ergebnis: Der THC-Gehalt von Cannabiskraut stieg im Mittel um etwa 0,29 Prozentpunkte pro Jahr, also rund 2,9 Milligramm THC pro Gramm. Bei Haschisch (Harz) war der Anstieg mit etwa 0,57 Prozentpunkten pro Jahr sogar doppelt so stark. Der CBD-Gehalt blieb dagegen unverändert. Die Produkte sind also nicht nur stärker geworden, sondern auch unausgewogener.
Warum das relevant ist, zeigte eine zweite Arbeit derselben Forschungsgruppe: Kat Petrilli und Kollegen werteten 2022 in The Lancet Psychiatry 20 Studien aus, die hoch- und niedrigpotentes Cannabis verglichen. Der Konsum von hochpotentem Cannabis war mit einem erhöhten Risiko für Psychosen und für eine Cannabisabhängigkeit verbunden. Für Depression und Angststörungen war das Bild uneinheitlicher. Die Konsequenz für Konsumierende ist einfach: Wer heute regelmäßig konsumiert, nimmt in der Regel deutlich mehr THC auf als frühere Generationen – mit entsprechend höherem Risiko.
Abhängigkeit: Häufiger als viele glauben
Die verbreitete Annahme, Cannabis mache nicht abhängig, ist wissenschaftlich widerlegt. Die Medizin spricht heute von einer „Cannabiskonsumstörung“ (englisch Cannabis Use Disorder, CUD). Gemeint ist ein Konsummuster mit Kontrollverlust, starkem Verlangen, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und dem Fortsetzen des Konsums trotz spürbarer negativer Folgen für Gesundheit, Beruf oder Beziehungen.
Wie häufig das vorkommt, hat eine viel zitierte Metaanalyse von Janni Leung und Kollegen von der University of Queensland untersucht, erschienen 2020 in Addictive Behaviors. Die Forschenden werteten Studien aus den Jahren 2009 bis 2019 aus. Ihr Ergebnis: Rund 22 Prozent aller Menschen, die Cannabis konsumieren, entwickeln eine Cannabiskonsumstörung. Bei wöchentlichem bis nahezu täglichem Konsum liegt das Risiko bei etwa einem Drittel. Zusätzlich steigt das Risiko, wenn der Konsum früh im Leben beginnt.
Ältere Schätzungen kommen zu ähnlichen Größenordnungen. Nora Volkow, Direktorin des US-amerikanischen National Institute on Drug Abuse (NIDA), fasste 2014 im New England Journal of Medicine den damaligen Forschungsstand zusammen: Etwa 9 Prozent aller Konsumierenden werden abhängig. Bei Personen, die im Jugendalter beginnen, ist es etwa jede sechste. Unter täglich Konsumierenden lag die Schätzung bei 25 bis 50 Prozent.
Ein oft unterschätztes Phänomen ist das Cannabis-Entzugssyndrom. Wer nach längerem regelmäßigem Konsum aufhört, erlebt häufig Reizbarkeit, innere Unruhe, Schlafstörungen mit lebhaften Träumen, Appetitverlust, gedrückte Stimmung und starkes Verlangen. Eine Metaanalyse von Anees Bahji und Kollegen in JAMA Network Open (2020) kam zu dem Ergebnis, dass etwa 47 Prozent der Menschen mit regelmäßigem oder problematischem Konsum ein solches Entzugssyndrom erleben. Die Beschwerden beginnen meist ein bis zwei Tage nach dem letzten Konsum und klingen in der Regel nach ein bis zwei Wochen ab. Gerade diese Entzugssymptome sind ein häufiger Grund, warum Aufhörversuche scheitern.
Auch in Deutschland zeigt sich die Abhängigkeitsproblematik deutlich: Cannabisbezogene Störungen gehören seit Jahren zu den häufigsten Hauptdiagnosen in der ambulanten Suchthilfe nach Alkohol. Die Petrilli-Übersicht von 2022 legt zudem nahe, dass der steigende THC-Gehalt das Abhängigkeitsrisiko zusätzlich erhöht.
Psychosen und Schizophrenie: Das am besten belegte Risiko
Kein gesundheitliches Risiko des Cannabiskonsums ist so intensiv erforscht wie der Zusammenhang mit Psychosen. Eine Psychose ist ein Zustand, in dem Betroffene den Bezug zur Realität teilweise verlieren – etwa durch Wahnvorstellungen, Stimmenhören oder Verfolgungsgedanken. Die Schizophrenie ist die bekannteste chronische Form.
Schon 2002 zeigte eine Auswertung der neuseeländischen Dunedin-Langzeitstudie von Louise Arseneault und Kollegen im British Medical Journal, dass Jugendliche, die bereits mit 15 Jahren Cannabis konsumierten, im Erwachsenenalter häufiger Symptome einer Schizophrenie aufwiesen. Eine Metaanalyse von Arianna Marconi und Kollegen im Schizophrenia Bulletin (2016) bündelte später Daten von über 66.000 Personen. Sie fand eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Die intensivsten Konsumierenden hatten ein etwa vierfach erhöhtes Psychoserisiko im Vergleich zu Nichtkonsumierenden.
Besonders aufschlussreich ist die europäische EU-GEI-Studie, geleitet von Marta Di Forti vom King’s College London und 2019 in The Lancet Psychiatry veröffentlicht. Die Forschenden verglichen Menschen mit einer ersten psychotischen Episode in elf Städten Europas und Brasiliens mit gesunden Kontrollpersonen. Täglicher Cannabiskonsum war mit einem etwa dreifach erhöhten Risiko verbunden, eine Psychose zu entwickeln. Bei täglichem Konsum von hochpotentem Cannabis (THC-Gehalt über 10 Prozent) stieg das Risiko auf etwa das Fünffache. Die Forschenden schätzten, dass in London rund 30 Prozent und in Amsterdam rund 50 Prozent der neuen Psychosefälle hätten verhindert werden können, wenn kein hochpotentes Cannabis verfügbar gewesen wäre.
Eine der größten Untersuchungen stammt aus Dänemark. Carsten Hjorthøj und Kollegen, darunter NIDA-Direktorin Nora Volkow, werteten 2023 in Psychological Medicine Gesundheitsregisterdaten von mehr als 6,9 Millionen Menschen über fünf Jahrzehnte aus. Ergebnis: Im Jahr 2021 wären bei Männern in Dänemark etwa 15 Prozent und bei Frauen etwa 4 Prozent der Schizophrenie-Fälle vermeidbar gewesen, hätte keine Cannabiskonsumstörung vorgelegen. Bei jungen Männern zwischen 21 und 30 Jahren lag dieser Anteil sogar bei bis zu 30 Prozent. Der Anteil ist über die vergangenen 20 Jahre stetig gestiegen – parallel zum steigenden THC-Gehalt, der in Dänemark von durchschnittlich etwa 13 Prozent im Jahr 2006 auf rund 30 Prozent im Jahr 2016 zunahm.
Warum gerade junge Männer? Das Gehirn reift bis Mitte 20, und in dieser Phase wird das Endocannabinoidsystem für die Feinabstimmung neuronaler Netzwerke gebraucht. Zudem konsumieren junge Männer häufiger und intensiver als andere Gruppen.
Zur Einordnung: Nicht jeder, der regelmäßig kifft, wird psychotisch. Die meisten Konsumierenden entwickeln keine Psychose. Es gibt eine genetische Veranlagung, und Cannabis wirkt vermutlich als Auslöser oder Beschleuniger bei Menschen, die ohnehin gefährdet sind. Für die Ursächlichkeit sprechen aber die Dosis-Wirkungs-Beziehung, die zeitliche Abfolge und experimentelle Studien, in denen THC bei Gesunden vorübergehend psychoseähnliche Symptome auslöste. Hinzu kommt: Wer nach einer ersten Psychose weiter konsumiert, hat laut einer Metaanalyse von Schoeler und Kollegen (The Lancet Psychiatry, 2016) ein deutlich höheres Rückfallrisiko als Menschen, die aufhören.
Depression, Angst und Suizidalität
Viele Menschen nutzen Cannabis, um Stress abzubauen, besser zu schlafen oder schlechte Stimmung zu dämpfen. Kurzfristig mag das funktionieren. Langfristig deutet die Forschung jedoch auf das Gegenteil hin – zumindest bei regelmäßigem Konsum, der im Jugendalter beginnt.
Die wichtigste Arbeit dazu ist eine Metaanalyse von Gabriella Gobbi und Kollegen von der McGill University in Montreal, veröffentlicht 2019 in JAMA Psychiatry. Ausgewertet wurden elf Langzeitstudien mit insgesamt 23.317 Teilnehmenden. Untersucht wurde, ob Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr mit psychischen Problemen im jungen Erwachsenenalter zwischen 18 und 32 Jahren zusammenhängt. Wichtig: Die Forschenden berücksichtigten, ob bereits zu Beginn eine Depression oder Angststörung vorlag.
Die Ergebnisse im Überblick:
- Das Risiko, im jungen Erwachsenenalter an einer Depression zu erkranken, war bei jugendlichen Konsumierenden um 37 Prozent erhöht (Odds Ratio 1,37).
- Das Risiko für Suizidgedanken war um 50 Prozent erhöht (Odds Ratio 1,50).
- Das Risiko für einen Suizidversuch war etwa 3,5-fach erhöht (Odds Ratio 3,46).
- Für Angststörungen fand sich kein statistisch eindeutiger Zusammenhang (Odds Ratio 1,18, nicht signifikant).
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass das individuelle Risiko moderat bleibt. Weil aber sehr viele Jugendliche Cannabis konsumieren, ergibt sich daraus auf Bevölkerungsebene eine erhebliche Zahl zusätzlicher Erkrankungen. Sie sprechen von einem „Risikofenster“ in der Jugend, in dem die schädlichen Effekte am stärksten sind.
Bei Angst ist das Bild komplizierter. Viele Menschen mit Angststörungen nutzen Cannabis zur Selbstmedikation. THC kann in niedriger Dosis kurzfristig entspannen, in höherer Dosis aber Angst und Panikattacken auslösen. Bei regelmäßigem Konsum entsteht leicht ein Teufelskreis: Die Angst kehrt im Entzug verstärkt zurück, was wiederum zum nächsten Konsum führt.
Ein weiterer Befund betrifft die Motivation und Gefühlswelt. Studien zeigen bei langjährigem starkem Konsum eine Abstumpfung des Belohnungssystems im Gehirn. Bildgebende Untersuchungen von Nora Volkow und Kollegen fanden bei starken Konsumierenden eine verminderte Dopaminreaktion. Das kann sich als Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit und emotionale Flachheit äußern – Symptome, die einer Depression ähneln.
Gedächtnis, Denkleistung und das jugendliche Gehirn
THC beeinträchtigt nachweislich das Kurzzeitgedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit. Während des Rausches ist das unbestritten. Die entscheidende Frage ist, ob regelmäßiger Konsum auch dauerhafte Spuren hinterlässt.
Die bekannteste Untersuchung dazu stammt erneut aus der Dunedin-Studie in Neuseeland, die über 1.000 Menschen seit ihrer Geburt 1972/73 begleitet. Madeline Meier und Kollegen veröffentlichten 2012 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) eine Analyse, in der die Intelligenz der Teilnehmenden mit 13 und mit 38 Jahren verglichen wurde. Wer über Jahre hinweg anhaltend abhängig konsumierte und bereits im Jugendalter begonnen hatte, verlor im Schnitt rund acht IQ-Punkte. Bei denen, die erst als Erwachsene begannen, war der Effekt deutlich schwächer. Bemerkenswert: Auch nach Beendigung des Konsums erholten sich die Werte bei jugendlichen Einsteigern nicht vollständig.
Eine Folgeauswertung derselben Kohorte im Alter von 45 Jahren, 2022 von Meier und Kollegen im American Journal of Psychiatry veröffentlicht, bestätigte das Muster. Langjährige Cannabiskonsumierende zeigten einen IQ-Rückgang, schlechtere Lern- und Verarbeitungsleistungen sowie ein kleineres Volumen des Hippocampus – also jener Hirnregion, die für das Gedächtnis zentral ist. Die Unterschiede ließen sich nicht durch Tabak-, Alkohol- oder anderen Drogenkonsum erklären.
Der Grund für die besondere Verletzlichkeit Jugendlicher liegt in der Hirnentwicklung. Bis etwa zum 25. Lebensjahr wird das Gehirn umgebaut: Nervenverbindungen werden verstärkt oder abgebaut, Nervenbahnen erhalten ihre isolierende Hülle. Das Endocannabinoidsystem steuert diese Prozesse mit. Wer in dieser Phase regelmäßig von außen THC zuführt, greift in eine empfindliche Bauphase ein.
Zur fairen Einordnung gehört auch die Gegenposition. Eine Metaanalyse von J. Cobb Scott und Kollegen in JAMA Psychiatry (2018) mit 69 Studien fand bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwar messbare kognitive Defizite bei regelmäßigem Konsum. Diese waren jedoch eher gering und schwächten sich nach mehr als 72 Stunden Abstinenz deutlich ab. Das spricht dafür, dass ein Teil der Beeinträchtigung auf Restwirkungen des aktiven Konsums zurückgeht. Für Menschen, die täglich konsumieren, ist das allerdings kaum ein Trost: Sie befinden sich praktisch dauerhaft in diesem beeinträchtigten Zustand – in Schule, Ausbildung und Beruf.
Herz und Kreislauf: Ein unterschätztes Risiko
Lange galt Cannabis vor allem als Risiko für die Psyche. Inzwischen rückt das Herz-Kreislauf-System stärker in den Fokus. THC erhöht kurz nach dem Konsum die Herzfrequenz deutlich, beeinflusst den Blutdruck und kann die Gefäße verengen. Für gesunde junge Menschen ist das meist folgenlos. Bei Vorerkrankungen oder über viele Jahre kann es jedoch gefährlich werden.
Eine der bislang größten Untersuchungen dazu veröffentlichten Abra Jeffers und Kollegen vom Massachusetts General Hospital im Februar 2024 im Journal of the American Heart Association. Die Studie wurde von den US-amerikanischen National Institutes of Health gefördert und nutzte Befragungsdaten von rund 430.000 Erwachsenen aus den Jahren 2016 bis 2020. Das Ergebnis: Täglicher Cannabiskonsum war mit einer um 25 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts und einer um 42 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls verbunden – im Vergleich zu Menschen, die nicht konsumieren. Bei weniger häufigem Konsum fielen die Risiken geringer aus.
Besonders aussagekräftig: Der Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn die Forschenden nur Menschen betrachteten, die nie Tabak geraucht oder E-Zigaretten genutzt hatten. Das spricht dagegen, dass der Effekt allein auf den Tabak zurückgeht, der oft mit Cannabis gemischt wird. Bei jüngeren Erwachsenen – Männern unter 55 und Frauen unter 65 Jahren – war Cannabiskonsum mit einer um 36 Prozent erhöhten kombinierten Wahrscheinlichkeit für koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt oder Schlaganfall verbunden.
Einschränkend ist zu sagen, dass es sich um eine Querschnittsstudie mit selbst berichteten Angaben handelt. Ursache und Wirkung lassen sich so nicht abschließend belegen. Die Ergebnisse passen aber zu früheren Beobachtungen und zu einer wissenschaftlichen Stellungnahme der American Heart Association aus dem Jahr 2020, die vor den kardiovaskulären Folgen des Rauchens und Verdampfens von Cannabis warnt.
Praktisch bedeutet das: Wer bereits Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder eine koronare Herzkrankheit hat, sollte besonders vorsichtig sein. Auch für ältere Menschen, unter denen der Cannabiskonsum in vielen Ländern zunimmt, ist das Herzrisiko relevant.
Lunge, Atemwege und Krebsrisiken
In Deutschland wird Cannabis überwiegend geraucht, häufig gemischt mit Tabak. Beim Verbrennen von Pflanzenmaterial entstehen – unabhängig von der Pflanze – Teer, Kohlenmonoxid und zahlreiche krebserregende Stoffe. Cannabisrauch enthält viele der gleichen Schadstoffe wie Tabakrauch. Hinzu kommt die typische Rauchtechnik: Joints werden meist tiefer inhaliert und der Rauch länger angehalten, wodurch mehr Teer in der Lunge verbleibt.
Die Folgen für die Atemwege sind gut dokumentiert. Langzeitstudien des US-Lungenmediziners Donald Tashkin von der University of California in Los Angeles zeigten über Jahrzehnte, dass regelmäßiges Cannabisrauchen mit chronischer Bronchitis einhergeht: Husten, vermehrter Auswurf, pfeifende Atmung. Eine systematische Übersicht von Mehdi Ghasemiesfe und Kollegen (Annals of Internal Medicine, 2018) bestätigte, dass Cannabisrauchen mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für Husten, Auswurf und Atemgeräusche verbunden ist. Positiv: Nach dem Aufhören bilden sich diese Beschwerden oft zurück.
Neuere Bildgebungsstudien liefern zusätzliche Hinweise. Forschende um Giselle Revah vom Ottawa Hospital veröffentlichten 2022 in der Fachzeitschrift Radiology eine Analyse von Lungen-CT-Aufnahmen. Bei Menschen, die Cannabis und Tabak rauchten, fanden sich häufiger Lungenemphyseme, Atemwegsentzündungen und Bronchienerweiterungen als bei reinen Tabakrauchern. Die Stichprobe war allerdings klein, die Ergebnisse gelten als vorläufig.
Beim Thema Krebs ist die Datenlage gemischt. Für Lungenkrebs haben große Studien bislang keinen eindeutigen, vom Tabak unabhängigen Zusammenhang gefunden – auch weil sich Cannabis- und Tabakkonsum schwer trennen lassen. Anders sieht es bei Kopf-Hals-Tumoren aus: Eine Kohortenstudie von Tyler Gallagher und Kollegen von der University of Southern California, im August 2024 in JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery veröffentlicht, verglich über 116.000 Erwachsene mit einer cannabisbezogenen Störung mit fast vier Millionen Menschen ohne eine solche Diagnose. Nach Abgleich von Alter, Alkohol- und Tabakkonsum hatten Menschen mit cannabisbezogener Störung ein etwa 3,5-fach höheres Risiko für Kopf-Hals-Krebs, besonders im Mund, im Rachen und am Kehlkopf. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass weitere Forschung zur Dosis-Wirkungs-Beziehung nötig ist. Gelegentlicher Konsum war nicht Gegenstand der Untersuchung.
Ein weiterer Befund betrifft Hodenkrebs. Eine Metaanalyse von Jason Gurney und Kollegen (BMC Cancer, 2015) fand bei Männern mit mindestens zehnjährigem Cannabiskonsum ein erhöhtes Risiko für bestimmte Formen von Keimzelltumoren des Hodens. Auch hier ist die Beweislage noch begrenzt.
Ob Verdampfen (Vaporisieren) oder Essen von Cannabis die Lungenrisiken verringert, ist plausibel, aber noch nicht ausreichend erforscht. Essbare Produkte bergen eigene Gefahren: Die Wirkung setzt verzögert ein, was zu Überdosierungen und Notaufnahmebesuchen führen kann – ein Problem, das aus Kanada und den USA gut dokumentiert ist, insbesondere bei versehentlichen Vergiftungen von Kindern.
Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom: Wenn Cannabis Erbrechen auslöst
Cannabis wird in der Medizin unter anderem gegen Übelkeit eingesetzt. Umso paradoxer ist eine Erkrankung, die erst seit rund 20 Jahren beschrieben wird: das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS). Es tritt bei Menschen auf, die über längere Zeit – meist über Jahre – täglich oder fast täglich Cannabis konsumieren.
Erstmals beschrieben wurde das Syndrom 2004 von J. H. Allen und Kollegen aus Südaustralien in der Fachzeitschrift Gut. Typisch sind wiederkehrende Phasen mit heftiger Übelkeit, unstillbarem Erbrechen und starken Bauchschmerzen. Die Attacken dauern oft mehrere Tage. Ein auffälliges Merkmal: Viele Betroffene stellen fest, dass heiße Duschen oder Bäder die Beschwerden vorübergehend lindern, und duschen teils zwanghaft mehrmals am Tag. Komplikationen sind Austrocknung, Nierenversagen und Elektrolytstörungen. Es sind auch Todesfälle beschrieben.
Wie häufig das Syndrom ist, wird noch erforscht. Eine Untersuchung von Joseph Habboushe und Kollegen in einer New Yorker Notaufnahme (Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology, 2018) ergab, dass etwa ein Drittel der befragten Patientinnen und Patienten mit sehr häufigem Konsum die Kriterien für ein CHS erfüllte. In Kanada untersuchten Daniel Myran und Kollegen die Entwicklung in der Provinz Ontario. Laut ihrer Studie in JAMA Network Open (2022) stiegen die Notaufnahmebesuche wegen CHS zwischen 2014 und 2021 um ein Vielfaches – besonders deutlich nach der Legalisierung und während der Corona-Pandemie.
Das Tückische: Viele Betroffene und auch manche Ärztinnen und Ärzte erkennen den Zusammenhang nicht. Weil Cannabis als Mittel gegen Übelkeit gilt, konsumieren Betroffene häufig noch mehr, um die Beschwerden zu lindern, und verschlimmern so ihren Zustand. Bis zur richtigen Diagnose vergehen oft Jahre mit zahlreichen Notaufnahmebesuchen und Untersuchungen. Die einzige verlässliche Behandlung ist der dauerhafte Verzicht auf Cannabis.
Schwangerschaft und Stillzeit
THC passiert die Plazenta und erreicht so das ungeborene Kind. Da das Endocannabinoidsystem auch an der Entwicklung des Nervensystems im Mutterleib beteiligt ist, raten Fachgesellschaften weltweit dringend vom Konsum in Schwangerschaft und Stillzeit ab. Dennoch nutzen manche Schwangere Cannabis gegen Übelkeit oder Stress – teils in der Annahme, es sei eine natürliche und harmlose Alternative.
Die Studienlage ist eindeutig genug für klare Empfehlungen. Eine große Untersuchung von Daniel Corsi und Kollegen, 2019 im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht, wertete Daten von mehr als 660.000 Geburten in Ontario aus. Frauen, die in der Schwangerschaft Cannabis konsumiert hatten, brachten ihre Kinder deutlich häufiger zu früh zur Welt: Die Frühgeburtenrate lag bei 12 Prozent gegenüber 6,1 Prozent bei Frauen ohne Konsum. Nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren blieb ein um etwa 40 Prozent erhöhtes Risiko bestehen.
Eine Metaanalyse von Jayleen Gunn und Kollegen (BMJ Open, 2016) kam zu ähnlichen Ergebnissen. Kinder, die im Mutterleib Cannabis ausgesetzt waren, hatten häufiger ein geringeres Geburtsgewicht und mussten häufiger auf eine neonatologische Intensivstation verlegt werden. Die Mütter litten häufiger unter Blutarmut.
Auch langfristige Folgen für die Kinder werden untersucht. Eine Auswertung der großen US-amerikanischen ABCD-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development) durch Sarah Paul und Kollegen in JAMA Psychiatry (2021) fand bei Kindern, deren Mütter auch nach Bekanntwerden der Schwangerschaft konsumiert hatten, im Alter von neun bis zehn Jahren häufiger psychische Auffälligkeiten wie Aufmerksamkeitsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten.
In der Stillzeit geht THC in die Muttermilch über. Eine Studie von Kerri Bertrand und Kollegen in Pediatrics (2018) wies THC in 63 Prozent der untersuchten Muttermilchproben von Frauen nach, die Cannabis konsumierten – teils noch Tage nach dem letzten Konsum. Welche Folgen das für den Säugling hat, ist noch nicht ausreichend erforscht. Die Empfehlung lautet daher: kein Cannabis in Schwangerschaft und Stillzeit.
Straßenverkehr und Unfälle
THC verlängert die Reaktionszeit, verschlechtert die Koordination, die Spurhaltung und die Fähigkeit, die eigene Fahrtüchtigkeit richtig einzuschätzen. Das ist durch Fahrsimulator- und Laborstudien gut belegt.
Wie stark sich das auf das tatsächliche Unfallrisiko auswirkt, wurde in mehreren Metaanalysen untersucht. Mark Asbridge und Kollegen kamen 2012 im British Medical Journal zu dem Ergebnis, dass Fahren unter akutem Cannabiseinfluss das Risiko eines Verkehrsunfalls mit schweren oder tödlichen Folgen nahezu verdoppelt. Eine spätere, methodisch strengere Metaanalyse von Ole Rogeberg und Rune Elvik (Addiction, 2016) schätzte das Risiko geringer ein, bestätigte aber einen erhöhten Wert. Klar ist: Die Kombination von Cannabis und Alkohol erhöht das Risiko deutlich stärker als jede Substanz für sich.
Für regelmäßig Konsumierende gibt es eine Besonderheit. THC wird im Fettgewebe gespeichert und nur langsam abgebaut. Bei täglichem Konsum kann THC daher auch noch lange nach dem letzten Joint im Blut nachweisbar sein, obwohl sich die Person nüchtern fühlt. In Deutschland gilt seit August 2024 ein THC-Grenzwert von 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum. Für Fahranfänger in der Probezeit und Personen unter 21 Jahren gilt ein absolutes Cannabisverbot am Steuer, ebenso ist der Mischkonsum von Alkohol und Cannabis vor dem Fahren verboten. Wer regelmäßig konsumiert, kann den Grenzwert auch ohne frischen Konsum überschreiten – mit Folgen für den Führerschein.
Auch am Arbeitsplatz spielt die Beeinträchtigung eine Rolle, etwa beim Bedienen von Maschinen, in der Pflege oder im Schichtdienst. Arbeitgeber dürfen den Konsum während der Arbeitszeit untersagen, und wer berauscht arbeitet, riskiert arbeitsrechtliche Konsequenzen.
Soziale Folgen: Schule, Ausbildung und Beruf
Die gesundheitlichen Folgen wirken sich auf das ganze Leben aus. Besonders deutlich zeigt sich das bei jungen Menschen, die früh und intensiv konsumieren.
Eine Auswertung von drei großen Langzeitstudien aus Australien und Neuseeland, veröffentlicht von Edmund Silins und Kollegen 2014 in The Lancet Psychiatry, untersuchte mehr als 2.500 junge Menschen. Wer vor dem 17. Lebensjahr täglich Cannabis konsumierte, hatte im Vergleich zu Nichtkonsumierenden eine um über 60 Prozent geringere Chance, die Schule abzuschließen oder einen Hochschulabschluss zu erwerben. Zudem war das Risiko einer späteren Cannabisabhängigkeit etwa 18-fach und das Risiko eines Suizidversuchs etwa 7-fach erhöht. Es bestand eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je häufiger der Konsum, desto ungünstiger die Ergebnisse.
Die Christchurch Health and Development Study aus Neuseeland, die eine Geburtskohorte über Jahrzehnte begleitet, kam zu ähnlichen Befunden. David Fergusson und Joseph Boden berichteten 2008 in Addiction, dass häufiger Cannabiskonsum bis zum 25. Lebensjahr mit niedrigerem Einkommen, höherer Arbeitslosigkeit, stärkerer Abhängigkeit von Sozialleistungen und geringerer Beziehungs- und Lebenszufriedenheit verbunden war – auch nach Berücksichtigung zahlreicher Hintergrundfaktoren.
Einschränkend gilt hier besonders: Menschen, die früh und viel konsumieren, haben oft schon vorher schwierigere Startbedingungen. Die Forschenden haben versucht, das herauszurechnen, ganz ausschließen lässt es sich nicht. Plausibel ist ein sich gegenseitig verstärkender Kreislauf: Konzentrationsprobleme, Antriebsminderung und Abhängigkeit erschweren Schule und Beruf, und Misserfolge fördern wiederum den Konsum.
Hinzu kommen Folgen für Partnerschaft und Familie. Beratungsstellen berichten regelmäßig von Konflikten, Rückzug und Vernachlässigung von Verpflichtungen bei Menschen mit problematischem Konsum. Auch finanzielle Belastungen spielen eine Rolle, wenn täglich konsumiert wird.
Einordnung, Risikofaktoren und Hilfe
Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte zeichnet ein klares Bild: Regelmäßiger Cannabiskonsum ist nicht harmlos. Die Risiken sind nicht für jeden gleich groß, sie lassen sich aber an einigen Faktoren festmachen, die in fast allen hier genannten Studien immer wieder auftauchen:
- Früher Einstieg: Je jünger Menschen beim ersten regelmäßigen Konsum sind, desto größer die Risiken für Abhängigkeit, Psychosen, Depression und Denkleistung.
- Hohe Konsumfrequenz: Täglicher oder fast täglicher Konsum ist mit deutlich höheren Risiken verbunden als gelegentlicher.
- Hoher THC-Gehalt: Hochpotente Produkte mit wenig CBD erhöhen vor allem das Risiko für Abhängigkeit und Psychosen.
- Persönliche Veranlagung: Psychische Erkrankungen in der Familie, insbesondere Psychosen, erhöhen die Gefährdung.
- Rauchen und Mischkonsum: Das Rauchen mit Tabak sowie der gleichzeitige Konsum von Alkohol oder anderen Drogen vervielfachen die Schäden.
Daraus lassen sich die Empfehlungen ableiten, die auch in den international bekannten „Lower-Risk Cannabis Use Guidelines“ kanadischer Forschender um Benedikt Fischer (zuletzt 2022 aktualisiert) formuliert sind: Der sicherste Weg ist der Verzicht. Wer konsumiert, sollte möglichst spät beginnen, selten konsumieren, Produkte mit niedrigem THC- und höherem CBD-Gehalt wählen, auf Rauchen verzichten und niemals berauscht Auto fahren. Menschen mit eigener oder familiärer Vorgeschichte psychischer Erkrankungen sowie Schwangere sollten ganz verzichten.
Die gute Nachricht ist, dass viele Folgen rückbildungsfähig sind. Atemwegsbeschwerden gehen nach dem Aufhören oft zurück, das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom verschwindet bei Abstinenz, und auch kognitive Einbußen schwächen sich bei Erwachsenen nach einer Pause häufig ab. Wichtig ist, Warnzeichen ernst zu nehmen: wenn der Konsum nicht mehr kontrolliert werden kann, wenn Aufhörversuche an Entzugssymptomen scheitern, wenn Misstrauen, Verfolgungsgedanken oder Stimmenhören auftreten, wenn Schule, Arbeit oder Beziehungen leiden.
Hilfe gibt es in Deutschland an vielen Stellen: bei den örtlichen Suchtberatungsstellen, die kostenlos und vertraulich beraten, bei Hausärztinnen und Hausärzten sowie in psychiatrischen Ambulanzen. Ein bundesweites, kostenloses Online-Ausstiegsprogramm ist „Quit the Shit“, das von der für Gesundheitsaufklärung zuständigen Bundesbehörde angeboten wird. Bei akuten psychischen Krisen sind der ärztliche Notdienst und die Notaufnahmen der richtige Ansprechpartner.
Fazit: Die Legalisierung hat Cannabis entkriminalisiert, aber nicht entschärft. Wer regelmäßig konsumiert, geht – je nach Alter, Menge, Potenz und Veranlagung – reale und wissenschaftlich gut belegte Risiken ein. Diese zu kennen ist die Voraussetzung für eine informierte, eigenverantwortliche Entscheidung.
Quellen
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