Freilaufende Rinder und Pferde sollen helfen
Der Feldberg ist das grüne Herzstück des Schwarzwalds – und gleichzeitig ein stiller Verlierer des Artenschwunds der letzten Jahrzehnte. Ringdrossel, Auerhuhn, Zitronenzeisig: Viele charakteristische Tier- und Pflanzenarten sind auch auf Badens höchstem Berg spürbar zurückgegangen. Jetzt soll eine ungewöhnliche Methode die Trendwende bringen – und die ist so alt wie die Berglandschaft selbst: Beweidung.
100 Hektar, sieben Rinder, drei Pferde – und ein Plan
Die Naturschutzverwaltung des Regierungspräsidiums Freiburg (RP) setzt am Feldberg auf naturnahe Beweidung im großen Stil. Auf insgesamt rund 100 Hektar sollen weitgehend freilaufende Rinder und Pferde künftig das leisten, was Jahrzehnte intensivierter Landwirtschaft und rückläufige Schäferei nicht mehr schafften: echte Artenvielfalt.
Bereits im vergangenen Jahr entstand in Zusammenarbeit mit dem Görwihler Landwirt René Apel eine erste, rund 50 Hektar große Naturweide im Bereich des Zastler Kars. Diese Woche folgte die zweite große Fläche: Auf der Südseite des Feldbergs, zwischen Gipfel und Todtnauer Hütte, haben sieben Hinterwälder Rinder am Dienstag ihre neue Heimat in Besitz genommen. Drei Pferde sollen noch in dieser Woche dazustoßen.
Mehr als Rasenmäher: Warum Tiere besser sind als Maschinen
Wer jetzt an einfache Landschaftspflege denkt, unterschätzt das Konzept. Rinder und Pferde fressen selektiv, treten Boden auf, schaffen Lücken in der Vegetation und fördern damit genau jene Strukturvielfalt, die bedrohte Offenlandarten brauchen. Maschinen können das nicht imitieren.
„Mit der Beweidung im Zastler Kar haben wir letztes Jahr gute Erfahrungen gemacht“, sagt René Apel. „Mit der neuen Weidefläche kommt ein weiterer wichtiger Baustein für die naturnahe Beweidung des Feldbergs hinzu. So können wir konkret gefährdete Offenlandarten wie Ringdrossel, Auerhuhn und Zitronenzeisig fördern.“
Ruben Clemens vom Naturschutzreferat des RP erklärt den historischen Hintergrund: „Der Gipfelbereich ist bereits seit vielen Jahrhunderten in menschlicher Nutzung. Mit der naturnahen Beweidung imitieren wir die historische Nutzung des Gebiets – mit der gesamten Weidesaison und verschiedenen Pflanzenfressern. So wie es früher üblich war.“ Die neuen Weiden umfassen dabei nicht nur offene Flächen, sondern auch Waldbereiche – eine bewusste Entscheidung, um eine komplexe, verzahnte Landschaft mit möglichst vielen verschiedenen Lebensräumen zu schaffen.
Der Feldberg – ein Hotspot unter Druck
Der Feldberg ist für viele Berg- und Hochlagenarten der letzte Rückzugsort im Schwarzwald. Wer als Tourist oben steht, ahnt oft nicht, welch einzigartiges ökologisches Mosaik sich rund um den Gipfel erstreckt. Genau deshalb wiegt der Artenschwund der vergangenen Jahrzehnte hier besonders schwer.
Die bisherige Beweidung durch die Wanderschäferei auf den Naturschutzflächen reichte schlicht nicht aus, um diesen Trend aufzuhalten. Das RP sieht deshalb in der Umstellung auf naturnahe Beweidung keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Unterstützt wird das Projekt mit Landesmitteln der Umweltverwaltung, unter anderem für den Bau von Zäunen in dem teils steil abfallenden Gelände.
Besonderer Dank gilt laut Clemens auch den Weidegenossenschaften im Hochschwarzwald, die über Jahrzehnte viele Weideflächen offengehalten und damit die ökologische wie touristische Attraktivität der Hochlagen bewahrt haben.
Natur braucht Geduld – und Mut
Es ist ein Projekt, das keine schnellen Ergebnisse verspricht, aber langfristig entscheidend sein kann. René Apel ist gespannt, wie sich die Tiere auf der neuen Südhangsweide einleben werden. Die Erfahrungen aus dem Zastler Kar stimmen optimistisch.
Wer in den nächsten Wochen auf den Feldberg wandert, sollte also die Augen offen halten – nicht nur für Wolken und Aussicht, sondern auch für die kleinen Hufe, die gerade dabei sind, einen der wertvollsten Naturräume Baden-Württembergs zu retten.
Symbolbild: cc0 pixabay
