Glauben Muslime auch an Jesus?
Was die beiden größten Weltreligionen eint – und was sie trennt
Es ist eine Frage, die viele Menschen überrascht: Ja, Muslime glauben an Jesus. Nicht so, wie es Christen tun – aber Jesus ist auch im Islam eine zentrale, hochverehrte Gestalt. Wer das nicht weiß, verpasst einen der faszinierendsten Berührungspunkte zwischen den beiden größten Weltreligionen überhaupt.
Jesus im Islam: Isa ibn Maryam
Im Koran wird Jesus unter dem Namen Isa ibn Maryam – Jesus, Sohn der Maria – insgesamt 25 Mal namentlich erwähnt. Zum Vergleich: Der Prophet Mohammed selbst wird im Koran nur vier Mal beim Namen genannt. Das allein zeigt, welche Bedeutung Jesus im islamischen Glauben zukommt.
Muslime betrachten Jesus als einen der bedeutendsten Propheten und Gesandten Gottes (arabisch: rasul). Er steht in einer langen Reihe von Propheten, zu denen Abraham (Ibrahim), Mose (Musa) und schließlich Mohammed gehören, der im islamischen Verständnis der letzte und abschließende Prophet ist.
Der Koran beschreibt Jesus mit außergewöhnlichen Attributen, die keinem anderen Propheten in dieser Form zugeschrieben werden:
- Er wurde jungfräulich geboren – auch der Islam bekennt sich zur Jungfrauengeburt durch Maria (Maryam), der im Koran sogar eine eigene Sure gewidmet ist (Sure 19: Maryam).
- Er vollbrachte Wunder: Er heilte Blinde und Aussätzige und soll sogar Tote auferweckt haben – stets, wie der Koran betont, „mit Erlaubnis Gottes“.
- Er wird als „Wort Gottes“ (Kalimatullah) und als „Geist von ihm“ (Ruhun minhu) bezeichnet – Formulierungen, die im Koran einzigartig sind.
- Muslime glauben, dass Jesus am Ende der Zeit wiederkehren wird, um Gerechtigkeit auf Erden zu bringen.
Jesus im Christentum: Sohn Gottes und Erlöser
Im christlichen Glauben nimmt Jesus eine fundamental andere Stellung ein. Für Christen ist Jesus Christus nicht nur ein Prophet oder Gesandter, sondern der Sohn Gottes – zweite Person der Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Das Nicäische Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 325 n. Chr. formuliert es so: Jesus Christus sei „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“
Die zentralen Glaubenswahrheiten des Christentums über Jesus:
- Inkarnation: Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden – das „Wort ist Fleisch geworden“ (Johannes 1,14).
- Kreuzestod und Erlösung: Jesus starb am Kreuz für die Sünden der Menschheit. Sein Tod wird als stellvertretendes Sühneopfer verstanden.
- Auferstehung: Am dritten Tag nach seinem Tod erstand Jesus von den Toten – dieses Ereignis ist das Herzstück des christlichen Glaubens.
- Wiederkunft: Auch Christen erwarten eine Wiederkunft Christi am Ende der Zeit, das sogenannte Jüngste Gericht.
Wo die Wege sich trennen: Die entscheidenden Unterschiede
1. Gottheit Jesu
Dies ist der tiefste theologische Graben zwischen beiden Religionen. Für Christen ist Jesus Gott. Für Muslime ist Jesus ein Mensch – ein außergewöhnlicher, von Gott erwählter Prophet, aber kein göttliches Wesen. Der Islam betont die absolute Einheit Gottes (Tawhid) mit größter Strenge: Gott hat kein Ebenbild, keinen Sohn, keinen Partner. Der Koran lehnt die Trinität ausdrücklich ab (Sure 4:171; Sure 5:73).
2. Der Kreuzestod
Hier unterscheiden sich die Überzeugungen grundlegend. Der Koran (Sure 4:157–158) besagt, dass Jesus nicht gekreuzigt wurde – es habe so ausgesehen, als wäre er gekreuzigt worden, aber Gott habe ihn zu sich erhoben. Die islamische Theologie ist sich allerdings nicht einig, wie genau diese Stelle zu interpretieren ist. Fakt ist: Das Kreuz als Heilssymbol und die Idee der Erlösung durch Jesu Tod spielen im Islam keine Rolle.
3. Die Rolle Mohammeds
Im islamischen Verständnis hat Jesus selbst die Ankunft des letzten Propheten angekündigt. Sure 61:6 zitiert Jesus mit den Worten, er verkünde einen Gesandten, der nach ihm kommen werde und dessen Name Ahmad sei – ein weiterer Name des Propheten Mohammed. Im Christentum existiert diese Einordnung naturgemäß nicht.
4. Das Evangelium
Muslime glauben, dass Jesus ein heiliges Buch erhalten hat – das Injil (arabisch für Evangelium). Dieses Original-Evangelium wird im Islam jedoch als verloren oder verfälscht betrachtet. Die heutigen vier Evangelien des Neuen Testaments werden von muslimischen Gelehrten traditionell als spätere, veränderte Texte eingestuft.
Was beide Religionen verbindet
Bei allen Unterschieden gibt es bemerkenswert viele Gemeinsamkeiten:
| Thema | Christentum | Islam |
|---|---|---|
| Jungfrauengeburt | ✓ | ✓ |
| Jesus als Wundertäter | ✓ | ✓ |
| Jesus als Bote Gottes | ✓ | ✓ |
| Wiederkunft am Ende der Zeit | ✓ | ✓ |
| Hochachtung vor Maria | ✓ | ✓ |
| Monotheismus | ✓ | ✓ |
Maria, die Mutter Jesu, genießt im Islam eine Verehrung, die viele westliche Beobachter überrascht. Sie ist die einzige Frau im Koran, die namentlich erwähnt wird, und gilt als die tugendhafteste aller Frauen.
Fazit: Derselbe Jesus – aber ein anderer?
Christen und Muslime sprechen beide von Jesus – und meinen doch etwas grundlegend Verschiedenes. Für Muslime ist er der vorletzte große Prophet, ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes und ein Mensch von unvergleichlicher Würde. Für Christen ist er der Sohn Gottes, Erlöser der Menschheit und der auferstandene Herr.
Diese Unterschiede sind real und sollten nicht weggeredet werden. Aber genauso real ist: Wenn ein Christ und ein Muslim über Jesus sprechen, reden sie nicht aneinander vorbei – sie reden über eine Gestalt, die beiden heilig ist. Das ist kein schlechter Ausgangspunkt für ein Gespräch.
Quellen: Koran (Sure 3, 4, 5, 19, 61); Nicäisches Glaubensbekenntnis (325 n. Chr.); Bibel, Johannesevangelium; Encyclopaedia of the Quran, Brill; Katechismus der Katholischen Kirche
