Geschichte, Umbauten des Martinstores und Krieg
Es gehört zu den unverwechselbaren Wahrzeichen Freiburgs: Das Martinstor in der Kaiser-Joseph-Straße, der mächtige Turm, durch den seit über einem Jahrhundert die Straßenbahn rumpelt. Wer einmal in der Innenstadt steht und zum Turm hinaufblickt, ahnt kaum, welch bewegte Geschichte sich hinter dieser Fassade verbirgt – und wie knapp das Bauwerk mehrfach dem Abriss entgangen ist.
Die Ursprünge: Ein Stadttor aus dem frühen 13. Jahrhundert
Das Martinstor ist das ältere der beiden noch erhaltenen Tortürme der mittelalterlichen Stadtbefestigung Freiburgs – noch vor dem Schwabentor am anderen Ende der Altstadt. Durch dendrochronologische Untersuchungen der Holzbalken wurde das Bauwerk auf das Jahr 1202 datiert. Diese Methode, mit der sich anhand von Jahresringen im Holz das genaue Baujahr ermitteln lässt, macht die Aussage bemerkenswert präzise: Der Grundstein – oder besser gesagt, der erste Balken – stammt aus dem Jahr, in dem Freiburg gerade einmal knapp hundert Jahre alt war.
Als „Porta Sancti Martini“ wurde das Tor 1238 erstmals urkundlich erwähnt. Der Name leitet sich vom Heiligen Martin von Tours ab, jenem legendären fränkischen Bischof, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte – eine Geste, die in Freiburg bis ins 20. Jahrhundert am Tor selbst verewigt war.
Die Grundfläche des Turms beträgt 10 auf 11 Meter, die Mauerstärke nach Süden unten 3,10 Meter und im Obergeschoss 2,70 Meter; die Seitenmauern sind etwas schwächer. Das vermittelt eine Vorstellung von der Solidität, mit der die mittelalterlichen Bauleute zu Werke gingen – und die wohl ein wesentlicher Grund dafür ist, dass das Tor bis heute steht.
Im Mittelalter trug das Martinstor übrigens einen anderen Namen: Es wurde als „Norsinger Tor“ bezeichnet, da der Durchlass in Richtung zur gleichnamigen Gemeinde führte. Erst der Bezug zum Heiligen Martin setzte sich als Hauptbezeichnung durch.
Eingebunden in die Stadtbefestigung
Das Martinstor war Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung und bündig in die Freiburger Stadtmauer eingefügt, mit dem Wehrgang dahinter verbunden. An der Ostseite des Turms ist diese ehemalige Maueröffnung in einigen Metern Höhe noch heute sichtbar – ein stiller Gruß aus dem Mittelalter an alle, die genau hinschauen.
Die Befestigung bestand aus insgesamt fünf Wehrtürmen. Zu den nicht mehr existierenden Toren gehören weitere, die im Laufe der Jahrhunderte abgetragen wurden. Dass Martinstor und Schwabentor bis heute erhalten sind, ist also keineswegs selbstverständlich – es verdankt sich einem zähen politischen Kampf, auf den wir gleich noch zurückkommen.
Jahrhunderte der Nutzung – und ein ungewöhnliches Gefängnis
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Tor mehrfach umgebaut; zeitweilig diente es auch als Gefängnis, von dessen Insassen man sagte, man habe ihnen „den Martinsmantel umgehängt“. Dieser sarkastische Freiburger Volkshumor lässt ahnen, dass die Haftbedingungen im steinernen Turm wenig komfortabel waren. Wer in Freiburg seine Schulden nicht bezahlte, riskierte, im Martinstor eingesperrt zu werden – und bekam gewissermaßen den Mantel des heiligen Schutzpatrons in Form von Kerkermauern übergestreift.
Zwischen 1546 und 1589 erhielt der Turm seine erste Uhr. Eine Turmuhr war damals keineswegs Selbstverständlichkeit – sie war ein Statussymbol und diente der gesamten Stadtbevölkerung zur Zeitanzeige in einer Epoche, in der Privatuhren seltene Luxusgüter waren. 1664 wurde die Stadtseite des Turms durch ein Bildnis des Heiligen Martin von Matthäus Kiefer ergänzt, das im späten 18. Jahrhundert nach dem Entwurf Simon Gösers erneuert und bereits 1851 durch ein weiteres von Wilhelm Dürr ersetzt wurde. Dieses Martinsbild prägte das Erscheinungsbild des Tores für Jahrhunderte – bis es 1968/69 endgültig entfernt wurde, ohne dass man sich bis heute auf einen würdigen Nachfolger einigen konnte.
Etwas in Vergessenheit geraten ist auch, dass das Martinstor durch den Festungsbau unter dem Militärarchitekten Sébastien Le Prestre de Vauban und die Einebnung der Vorstädte seine frühere Verbindung zu den Vororten verlor. Nun diente die Salzstraße als Zufahrt aus dem Höllental. Vauban, der bedeutende Festungsbaumeister Ludwigs XIV., hinterließ in Freiburg seine Spuren – und veränderte dabei auch die Bedeutung des Martinstors grundlegend.
Der große Umbau 1901: Aus 22 mach 60 Meter
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Martinstor kaum sein Gesicht verändert – es war knapp 22 Meter hoch und schon immer das bescheidene, aber stattliche Stadttor, das seit dem frühen Mittelalter seinen Dienst tat. Dann drohte es, ganz zu verschwinden.
Das Schwaben- sowie das Martinstor standen Ende des 19. Jahrhunderts einigen Zeitgenossen im Weg. Ihrer Ansicht nach sollten die Bauwerke der elektrischen Straßenbahn weichen. 1899 war der Bau der elektrischen Freiburger Straßenbahn beschlossen worden – und die Bahn brauchte Platz. Die einfachste Lösung schien vielen: die alten Tore abreißen.
Doch dagegen stellte sich der damalige Oberbürgermeister Otto Winterer (1888 bis 1913) mit Nachdruck. Seine Haltung brachte er in einem Satz auf den Punkt: „Dörfer haben Dächer, Städte haben Türme!“ Eine knappe, aber wirksame Argumentation. Winterer setzte einen Wettbewerb an, an dem renommierte Architekten teilnahmen. Neben Winterer waren Josef Durm, Carl Schäfer, Max Meckel sowie ein Mitglied des Stadtrates als Preisrichter tätig. Allerdings wurde keiner der Wettbewerbsbeiträge direkt umgesetzt.
Stattdessen beauftragte die Stadt den Architekten Carl Schäfer mit einem eigenen Entwurf. Schäfer schlug eine Erhöhung des Martinstors von 22 auf 66 Meter vor. Als Grund nannte er die inzwischen höheren Häuser in der Umgebung. Sein Entwurf kombinierte die bestehenden Bauteile aus dem frühen 13. Jahrhundert mit spätgotischen Aufbauten aus dem 15. Jahrhundert.
Im Sommer 1901 wurde der Umbau durch den Freiburger Baumeister Eugen Schmidt durchgeführt. Die Mauern wurden erhöht, kleine Ecktürmchen integriert und das alte Stadttor mit einem neuen Dach abgeschlossen. Neben dem historischen Durchgang wurde zugleich ein zweiter, breiterer Torbau errichtet, durch den die Straßenbahn fahren konnte – so wurde das Tor gerettet und die Bahn ermöglicht. Ein Kompromiss, der sich bis heute bewährt.
Zeitgleich brachte man an der Außenseite einen deutschen Reichsadler über den Wappen Freiburgs und Badens an. Diese Bemalung wurde 1951 entfernt. Heute erinnert an dieser Stelle eine Replik einer barocken Sandsteinplatte mit dem Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches an die bewegte Geschichte des Turms.
Der Zweite Weltkrieg: Die Katastrophe der Bombennacht
Freiburg galt lange als geschützte Stadt. Das Reichsluftfahrtministerium hatte 1935 Freiburg nur als Luftschutzort 2. Ordnung eingestuft. Viele Freiburgerinnen und Freiburger glaubten, der Krieg würde an ihrer Stadt vorübergehen – schließlich gab es kaum Rüstungsindustrie, und Freiburg war als Lazarettstandort bekannt. Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch.
Am 27. November 1944 erlitt Freiburg, was keiner für möglich gehalten hatte: Bei einem Bombenangriff unter dem Decknamen „Operation Tigerfish“ der Engländer wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Altstadt in Schutt und Asche gelegt.
Bei dem Angriff warfen 350 britische Bomber und Kampfflugzeuge in 20 Minuten rund 14.000 Brand- und Sprengbomben über der Stadt ab. Rund 2.800 Menschen – nahezu ausschließlich Zivilbevölkerung – starben in den Trümmern der Stadt, bis zu 10.000 wurden verletzt. 28.000 Freiburgerinnen und Freiburger verloren ihre Wohnung.
Beim Bombenangriff im November 1944 wurden rund 80 Prozent der Altstadt zerstört. Ganze Straßenzüge, Kirchen, das Stadttheater, das Universitätsklinikum – nichts schien verschont zu bleiben.
Das Martinstor selbst überstand die Bombennacht. Wie das Freiburger Münster, das ebenfalls wie durch ein Wunder weitgehend unversehrt blieb, ragte der mittelalterliche Turm nach dem Angriff aus den Trümmern der umgebenden Innenstadt heraus. Der massive Sandsteinturm mit seinen meterdicken Mauern hatte der Katastrophe standgehalten – ein stummer Zeuge der Verwüstung rings um ihn. Die angrenzenden Gebäude und Kaufhäuser waren in Schutt und Asche gesunken; der Turm, den man fünfzig Jahre zuvor noch hatte abreißen wollen, stand.
Wiederaufbau und Nachkriegszeit
Nach dem Bombenangriff übernahm der Stadtplaner Joseph Schlippe die Leitung des Wiederaufbaubüros. Er orientierte sich dabei am „Landstädtchen Freiburg“ vor der Gründerzeit. Die Kaiser-Joseph-Straße, direkt am Martinstor, wurde mit Arkadenfassaden neu gestaltet – ein Merkmal, das heute noch den Charakter der Einkaufsmeile prägt.
Erst Mitte der 1960er Jahre war die durch den Bombenangriff vom 27. November 1944 bedingte Wohnungsnot beseitigt. Der Wiederaufbau war ein Generationenprojekt – das Martinstor aber war vom ersten Nachkriegstag an wieder da, unbeschädigt, als ob es die Aufgabe übernommen hätte, der Stadt Kontinuität und Orientierung zu geben.
Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an der Nordseite des Turmes an die Freiburger Hexenverbrennung. Das Martinstor trägt also nicht nur die Geschichte der Stadt in seinen Mauern – es ist auch zum Träger offizieller Erinnerungskultur geworden.
Das Martinstor heute: Mittelalter trifft Gegenwart
Wer heute durch den Torbogen der Kaiser-Joseph-Straße geht, bewegt sich durch 820 Jahre Geschichte. Unten rumpeln Straßenbahn und Fahrräder, oben erzählen Buckelquader aus dem frühen 13. Jahrhundert von den Bauleuten, die um 1202 diesen Turm errichteten – ohne zu ahnen, dass er noch im Jahr 2026 stehen würde.
Das Martinstor ist eines der seltenen Beispiele dafür, dass ein Stadttor nicht trotz seiner Geschichte überlebt hat, sondern wegen ihr. Der Umbau von 1901, oft als historisierender Überschwang des Kaiserreichs belächelt, hat dem Turm jene Präsenz verliehen, die seinen Abriss undenkbar machte. Die 22 Meter des mittelalterlichen Originals wären vielleicht längst einer Straßenverbreiterung gewichen. Die 60 Meter des aufgestockten Wahrzeichens nicht.
Der Satz von Oberbürgermeister Winterer hallt bis heute nach: Dörfer haben Dächer, Städte haben Türme. Freiburg hat seinen Turm – und das seit über 820 Jahren.
Das Bild oben zeigt eine historische Abbildung des Martinstores von vor 1954. Rund um das Kriegsende zog das Kaufhaus Oberpaur in das Martinstor und zog 1954 dort wieder aus.
