10 aktuelle Arbeitsgerichtsurteile zum Thema Gehalt
1. Das Equal-Pay-Grundsatzurteil des Jahres – BAG, 23.10.2025 (Az. 8 AZR 300/24)
Das wohl wichtigste Gehaltsurteil 2025: Eine Daimler-Trucks-Abteilungsleiterin stellte nach ihrer Elternzeit fest, dass sie deutlich schlechter verdiente als männliche Kollegen auf der gleichen Ebene. Das BAG entschied klar: Ein einziger besser bezahlter männlicher Kollege genügt, um die Vermutung einer Geschlechtsdiskriminierung beim Gehalt auszulösen. Der Arbeitgeber trägt dann die volle Beweislast, diese Vermutung zu widerlegen – allgemeine Behauptungen über „mangelhafte Leistung“ reichen nicht aus.
2. Arbeitgeber darf vertraglich zugesagte Gehaltserhöhung nicht wegen Krankheit streichen – LAG München, 2025 (Az. 38 Ca 14513/24)
Ein Mitarbeiter sollte laut einer Vereinbarung stufenweise mehr Gehalt erhalten – ab Juli 2024 sollten 4.000 Euro brutto fließen statt bisheriger 3.500 Euro. Doch Ende Juli 2024 machte der Arbeitgeber diese Erhöhung rückgängig und begründete dies mit einer Erkrankung des Mitarbeiters. Der Mitarbeiter klagte erfolgreich auf Feststellung, dass die Erhöhung gültig bleibt.
3. Inflationsausgleich: 2 % statt 6,9 % – Arbeitgeber-Ermessen bestätigt – LAG Frankfurt, 2024/2025
Ein AT-Mitarbeiter einer Großbank klagte auf Gehaltsanpassung entsprechend der Inflationsrate 2022 (6,9 %), sein Arbeitgeber hatte jedoch nur 2 % gewährt. Das Gericht bestätigte das Ermessen des Arbeitgebers. Hintergrund: Eine Erhöhung um 6,9 % hätte zu einer jährlichen Mehrbelastung von 1,9 Millionen Euro geführt, was neue Kosteneinsparungen bis hin zu Personalabbau nötig gemacht hätte.
4. Nur 1 Euro mehr als der höchste Tarifgehalt reicht für AT-Status – BAG, 23.10.2024 (Az. 5 AZR 82/24)
Das Bundesarbeitsgericht bestätigte, dass der Status als außertariflicher Angestellter einen Anspruch auf eine Vergütung begründet, die den tarifvertraglich vorgeschriebenen Abstand wahrt – aber schon ein geringfügiges Überschreiten des höchsten Tarifgehalts kann genügen, sofern der Tarifvertrag keine Mindestabstandsklausel enthält. Blogpotenzial: interessant für alle, die sich als „AT-Angestellter“ wähnen, ohne es wirklich zu sein.
5. Gehaltserhöhung für Kollegen mit neuem Vertrag – gilt sie auch für mich? – LAG Hamm, 2024
Eine Produktionsmitarbeiterin klagte auf eine 5-prozentige Lohnerhöhung, die Kollegen erhalten hatten, die neue Arbeitsverträge unterzeichneten. Das Landesarbeitsgericht Hamm entschied, dass die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen eine Ungleichbehandlung nicht rechtfertigen. Dennoch scheiterte die Klage am Ende am Verfahrensrecht.
6. Vorruhestandsgeld muss auf dem korrekten letzten Gehalt basieren – ArbG Köln, 16.01.2025 (Az. 11 Ca 5412/23)
Das Arbeitsgericht Köln entschied, dass Vorruhestandsentgelt auf Basis eines korrekten Bruttomonatsgehalts zu berechnen ist und willkürliche Ungleichbehandlungen bei Gehaltserhöhungen kurz vor dem Ausscheiden unzulässig sind, wenn sie nicht durch sachliche Gründe gerechtfertigt werden können.
7. Bonus trotz Eigenkündigung – Stichtagsklausel unwirksam – BAG, 15.11.2023 (Az. 10 AZR 288/22), Wirkung bis heute
Das Bundesarbeitsgericht stellte klar: Der Anspruch auf eine Sonderzahlung, die auch Gegenleistung für bereits erbrachte Arbeitsleistung ist, darf nicht von einer Stichtagsregelung in einer Betriebsvereinbarung abhängig gemacht werden, die den Bestand des Arbeitsverhältnisses bis zum Ende des Bezugszeitraums voraussetzt. Eine solche Norm ist unwirksam, weil sie Arbeitnehmern bereits verdiente Vergütung entzieht.
8. Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld trotz jahrelanger Krankheit – LAG Sachsen, 2024
Ein jahrelang arbeitsunfähiger Monteur gewann vor dem Sächsischen Landesarbeitsgericht einen Rechtsstreit um die Zahlung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Sein Arbeitgeber hatte die Sonderzahlungen aufgrund der langen Krankheitsphase verweigert – das Gericht entschied zugunsten des Arbeitnehmers.
9. Urlaubsgeld-Änderung ohne Betriebsrat ist unwirksam – BAG, 21.02.2024 (Az. 10 AZR 345/22)
Das Bundesarbeitsgericht entschied: Ein Arbeitgeber hatte versucht, sein Urlaubsgeld nach einer jahrelangen Gesamtzusage sukzessive als „freiwillig“ darzustellen. Das BAG wies dies zurück – solche Änderungen hätten mit dem Betriebsrat unter Beachtung des Mitbestimmungsrechts vereinbart werden müssen.
10. Equal Pay auch für Bürgermeisterinnen – VG Freiburg, 2025
Zwei Bürgermeisterinnen aus Baden-Württemberg forderten Schadensersatz, da sie in niedrigere Besoldungsgruppen eingestuft wurden als ihre männlichen Vorgänger und Nachfolger. Sowohl die frühere Bürgermeisterin der Gemeinde Todtmoos (VG Freiburg, 29.4.2025) als auch die ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Müllheim (VG Freiburg, 3.3.2023) hatten mit ihren Klagen Erfolg.
