Domino-Effekt im Teleshopping: Nach Channel 21 trifft es jetzt auch den US-Riesen QVC
Das klassische TV-Shopping steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte. Innerhalb weniger Wochen haben gleich mehrere große Anbieter Insolvenz angemeldet oder Gläubigerschutz beantragt – darunter auch der Marktführer QVC. Was steckt dahinter, und was bedeutet das für deutsche Zuschauer und Kunden?
Channel 21: Das Jubiläum als bittere Ironie
Am 23. März 2026 ordnete das Amtsgericht Hannover ein vorläufiges Insolvenzverfahren über die Betreibergesellschaft des Teleshopping-Senders Channel21 an. Was die Meldung besonders bitter machte: Auf der Homepage des Senders warb man zu diesem Zeitpunkt noch mit einer Geburtstagsaktion zum 25-jährigen Bestehen – von Feierstimmung war intern längst keine Rede mehr.
Der Sender startete 2001 zunächst als „RTL Shop“ im Umfeld von RTL, einst mit bekannten Moderatoren wie Walter Freiwald und Harry Wijnvoord, bevor er nach anhaltenden Verlusten mehrfach den Besitzer wechselte und schließlich unter neuem Namen weitergeführt wurde. Trotz verschiedener Neuausrichtungsversuche gelang eine nachhaltige Stabilisierung nie.
Die Zahlen erzählen eine düstere Geschichte: Laut Daten von Northdata bewegte sich der Umsatz von Channel21 zwischen 2019 und 2023 konstant im Bereich von rund 65 bis 90 Millionen Euro, mit einem Höhepunkt 2022 von fast 90 Millionen Euro. Doch auf der Gewinnseite sah es ganz anders aus: Bereits 2018 schrieb das Unternehmen einen Verlust von rund 6,5 Millionen Euro, nur in den Jahren 2020 und 2021 gelang es, knapp über die Nulllinie zu kommen. 2023 brach der Gewinn dann dramatisch ein – mit einem Verlust von rund 14 Millionen Euro.
Channel21 gilt als Deutschlands drittgrößter Teleshopping-Sender. Für rund 200 Beschäftigte beginnt nun eine ungewisse Phase. Mit der Anordnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens übernimmt Insolvenzverwalterin Stefanie Zulauf die Kontrolle über zentrale Entscheidungen. Sie soll zunächst prüfen, ob eine Fortführung des Betriebs im Rahmen einer Sanierung möglich ist.
QVC: Milliardenschulden zwingen US-Riesen in die Knie
Kaum hatte sich die Branche vom Schock der Channel-21-Insolvenz erholt, folgte der nächste, noch wuchtigere Einschlag. Die QVC Group, Muttergesellschaft der Sender QVC und HSN, hat beim US-Konkursgericht in Texas einen Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 gestellt – und reagiert damit auf eine massive Schuldenlast, die den Handlungsspielraum des Konzerns zuletzt fast vollständig einschränkte.
Die Zahlen sind schwindelerregend: Die Schulden von derzeit rund 6,6 Milliarden US-Dollar sollen im Rahmen des Verfahrens auf etwa 1,3 Milliarden Dollar sinken. Das operative Ergebnis war bereits im dritten Quartal 2025 um 61 Prozent eingebrochen. Die Bilanz für das vierte Quartal 2025 zeigte einen Umsatzrückgang von rund neun Prozent auf 2,68 Milliarden US-Dollar, während das Unternehmen einen Verlust von 5,27 US-Dollar je Aktie verbuchte.
Der Umsatz ist seit 2020 um fast 30 Prozent eingebrochen. Auch an der Börse zeigt sich der Niedergang drastisch: Vor zehn Jahren kostete eine QVC-Aktie noch über 900 Dollar, heute ist sie für weniger als 3 Dollar zu haben.
Das Chapter-11-Verfahren nach US-amerikanischem Recht ist dabei keine Liquidation, sondern ein geordnetes Sanierungsverfahren – in etwa vergleichbar mit einer Insolvenz in Eigenverwaltung nach deutschem Recht. Das Management plant, das Insolvenzverfahren innerhalb von etwa 90 Tagen abzuschließen. Für Gläubiger, z.B. Lieferanten bedeutet das vermutlich eine sehr bittere Pille: Sie müssten auf Milliarden Euro verzichten.
QVC Deutschland: Vorerst nicht betroffen
Für deutsche Kunden gibt es zunächst Entwarnung. Das Verfahren beschränkt sich auf die US-Einheiten der Gruppe. Die internationalen Ableger in Deutschland, Großbritannien, Japan und Italien sind bislang nicht Teil des Insolvenzantrags. In diesen Märkten bleibt die Geschäftsführung vorerst unabhängig von den US-Vorgängen handlungsfähig.
Für die Kundschaft in Deutschland ändert sich damit zunächst nichts: Die TV-Sender senden weiter, Bestellungen über das Fernsehen, den Online-Shop und mobile Apps werden wie gewohnt abgewickelt.
Ob und wie lange das so bleibt, hängt vom Ausgang des US-Verfahrens ab. Sollte die Restrukturierung gelingen, könnten auch die internationalen Töchter mittelfristig unter Druck geraten – oder aber unter neuen Eigentümern weitergeführt werden.
Woher kommt die Krise? Der „Amazon-Effekt“ und der Wandel im Medienkonsum
Die Insolvenzwelle im Teleshopping hat strukturelle Ursachen, die seit Jahren sichtbar sind. Der Wandel im Medienkonsum ist der zentrale Hintergrund der Schieflage: Die Marktdurchdringung des Bezahlfernsehens in den USA ist von einst 88 Prozent auf etwa 50 Prozent im Jahr 2025 eingebrochen.
Die Stammkundschaft von QVC, vornehmlich Frauen zwischen 55 und 75 Jahren, kauft immer seltener ein. Jüngere Zielgruppen erreicht das klassische TV-Shopping kaum noch. Stattdessen florieren Online-Marktplätze wie Amazon, und neue Formate wie Live-Shopping auf TikTok, Instagram oder YouTube übernehmen das Prinzip der emotionalen Produktpräsentation – nur auf Plattformen, auf denen die jüngere Kaufkraft tatsächlich zu Hause ist.
Das Teleshopping-Modell stirbt dabei nicht einfach – es wandert. Wer heute via TikTok Live, Instagram Shopping oder YouTube einen Kauf auslöst, macht im Kern nichts anderes als QVC-Zuschauer 1986 beim Anruf der Bestellhotline.
QVC versucht nun, den Verlust der TV-Zuschauer durch Live-Shopping auf Plattformen wie TikTok zu kompensieren. CEO David Rawlinson setzt auf Live-Social-Shopping, um jüngere Zielgruppen zu erreichen. Nach Unternehmensangaben erzielt QVC bereits erste Erfolge als Anbieter auf TikTok. Ob das reicht, um den Konzern dauerhaft zu retten, ist noch offen.
Eine Branche in der Krise – und QVC war nicht der Erfinder des Formats
Unternehmer Joseph Segel gründete QVC im Jahr 1986 als Konkurrenz zum Home Shopping Network. Der Name steht für „Quality Value Convenience“. Das Konzept etablierte sich rasch und wurde Teil der Alltagskultur. Prominente wie Suzanne Somers nutzten die Plattform, um eigene Produkte zu vermarkten. Mit dem Aufstieg des Internethandels gerieten beide Anbieter unter Druck – 2017 fusionierten die früheren Rivalen.
Auch außerhalb der USA gerät die Branche ins Wanken. Der österreichische Teleshopping-Anbieter Mediashop meldete Ende Februar 2026 Insolvenz an – mit 46 Millionen Euro Schulden, 162 betroffenen Mitarbeitern und 459 Gläubigern. Der Sanierungsplan scheiterte, das Landesgericht Wiener Neustadt ordnete die Schließung an. Ein österreichisches Investorenkonsortium hat inzwischen Teile des Betriebs übernommen.
Fazit: Zäsur für eine ganze Branche
Die Insolvenzen von Channel 21 und der QVC-Mutter sind mehr als Einzelschicksale – sie markieren eine Zäsur für das klassische Teleshopping insgesamt. Ein Geschäftsmodell, das jahrzehntelang zuverlässig funktionierte, kommt mit dem Tempo des digitalen Wandels schlicht nicht mehr mit. Für deutsche QVC-Kunden besteht aktuell kein Handlungsbedarf. Ob der Umbau des US-Konzerns gelingt und die deutschen Aktivitäten langfristig unberührt bleiben, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Stand: April 2026
