Angeberwissen für die Stadtführung in Freiburg
Wer durch Freiburg schlendert und am Münsterplatz steht, blickt auf eines der beeindruckendsten Gotteshäuser Deutschlands. Der 116 Meter hohe Westturm ragt über die Altstadt, die Sandsteinmauern leuchten in warmem Rotbraun, und irgendwo zwischen gotischen Fialen und steinernen Wasserspeiern liegt eine Geschichte verborgen, die mehr als dreizehn Menschengenerationen umspannt. Denn das Freiburger Münster war nicht das Werk einer einzigen Epoche – es war ein Projekt, das rund 300 bis 350 Jahre in Anspruch nahm. Und wer das beim nächsten Stadtspaziergang beiläufig erwähnt, hat garantiert Angeberwissen der Extraklasse parat.
Bevor das Münster war: Die erste Kirche auf dem Platz
Die Geschichte beginnt nicht im Jahr 1200, sondern noch etwas früher. Auf dem heutigen Münsterplatz stand bereits eine erste, deutlich kleinere Kirche. Sie wird in der Forschung als konradinische Kirche bezeichnet, benannt nach dem Stadtgründer Konrad I. von Zähringen, der Freiburg um 1120 gründete. Diese erste Pfarrkirche stammt aus der Gründungsphase der Stadt, also etwa aus den Jahren 1120 bis 1140.
Von diesem ersten Bau sind heute nur noch Fundamentreste erhalten. Wer wissen möchte, wo diese Kirche einst stand, kann auf dem Münsterplatz nach den farbigen Pflastersteinen Ausschau halten, die den Grundriss andeuten – allerdings nur dann, wenn der Wochenmarkt bereits beendet ist und die Stände abgebaut sind.
Die Stadt Freiburg wuchs. Um 1200 hatte sie schon rund 6.000 Einwohner – und die alte, kleine Pfarrkirche wurde zu eng. Es war Zeit für etwas Größeres. Viel Größeres.
Baubeginn um 1200: Berthold V. und die Idee der Stiftskirche
Es gibt kein historisch gesichertes exaktes Datum für den Baubeginn des Münsters. Die Forschung geht davon aus, dass die Arbeiten um das Jahr 1200 begannen, also zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Ausloser und Hauptgeldgeber war Herzog Berthold V. von Zähringen, der letzte seines Geschlechts. Er wollte an der Stelle der alten Pfarrkirche eine repräsentative Stiftskirche errichten lassen – und orientierte sich dabei am Basler Münster als Vorbild. Der Bau sollte zunächst als Prestigesymbol dienen, das Reichtum und Bedeutung der wachsenden Stadt sichtbar machen.
Finanziert wurde das gewaltige Vorhaben durch ein Zusammenspiel mehrerer Einnahmequellen: Spenden der Bürger, Erträge aus dem florierenden Silberbergbau im Schwarzwald und die Einnahmen aus dem Handel. Als Baumaterial wählte man Sandstein – gewonnen aus Steinbrüchen rund um Freiburg, unter anderem vom Schlierberg, vom Lorettoberg, aus Tennenbach und vom Wöpplinsberg.
Die Planung selbst basierte nicht auf ingenieurwissenschaftlichen Berechnungen, wie wir sie heute kennen, sondern auf empirischen Erkenntnissen und geometrischen Faustregeln, die über Generationen von Baumeistern weitergegeben wurden. Als Fundament verwendete man Flusskies und Sand aus dem Rheintal – erstaunlicherweise ein Material, das bis heute seinen Zweck erfüllt.
Phase 1: Die Spätromanik – Querschiff und Hahnentürme (ab ca. 1200)
Im spätromanischen Stil – dem damals modernen Baustil – begann man dort, wo jede Kirche beginnen sollte: beim Altar. Das bedeutete, dass Querschiff und Chor zuerst entstanden. Aus dieser ersten Bauphase sind bis heute das Querschiff und die Untergeschosse der beiden Seitentürme erhalten, die sogenannten Hahnentürme, die das Querhaus nach Westen abschliessen.
Der spätromanische Stil ist an geschlossenen, massiven Wandflächen erkennbar, an runden Formen und einer wuchtigen, erdhaften Anmutung. Wer das Querschiff des Münsters betritt, spürt noch heute diese Schwere – eine Schwere, die wenige Jahrzehnte später vollständig überwunden wurde.
Phase 2: Der Stilwechsel – das Langhaus in der Gotik (ab ca. 1220)
Keine 30 Jahre nach Baubeginn änderte sich der Baustil grundlegend. Die Gotik hielt Einzug in Freiburg – und mit ihr eine völlig neue Architekturphilosophie. Statt Masse und Wucht nun Leichtigkeit, Höhe und Licht. Statt geschlossener Wände große Fensteröffnungen und filigrane Steinmetzarbeit.
Das Langhaus – also das dreischiffige Hauptschiff mit Mittelschiff und zwei Seitenschiffen – wurde bereits im gotischen Stil errichtet. Zwischen 1220 und 1260 entstand dieser Bereich, wobei die Arbeiten an den Jochen des Langhauses bis mindestens 1301 andauerten. Als Impulsgeber für diesen neuen Stil diente nun nicht mehr das Basler Münster, sondern die Kathedrale von Strassburg, die als Vorbild der gotischen Formensprache im südwestdeutschen Raum galt.
Was dabei entstand, ist bis heute für den Besucher sichtbar: Das Langhaus wechselt im Stilcharakter merklich, je nachdem, welchen Teil man betrachtet. Der Übergang vom Romanischen zum Gotischen ist in Stein gemeisselt – ein einzigartiges Zeitdokument.
Phase 3: Der Westturm – ein Meisterwerk der Gotik (ca. 1280 bis 1330)
Einen eigenen Abschnitt verdient der beruhmteste Teil des Münsters: der Westturm. Er entstand von etwa 1280 bis 1330 und erreicht eine Höhe von 116 Metern – was ihn für rund ein Jahrhundert zu einem der höchsten Sakralgebäude der Welt machte.
Der Turm wurde von einem bis heute namentlich unbekannten Baumeister (möglicherweise zwei verschiedenen Baumeistern in zwei Abschnitten) in spätgotischen Formen ausgeführt. Sein besonderes Markenzeichen ist der unmerkliche Übergang vom quadratischen Unterbau zum achteckigen Turmobergeschoss – ein konstruktiver Kniff, der zahllose Nachahmer fand, aber nirgends so perfekt gelang wie in Freiburg.
Der durchbrochene Maßwerk-Turmhelm – jene scheinbar luftige steinerne Spitze, die aussieht, als wäre sie aus Spitzenklöbbel gefertigt – galt als bautechnische Revolution. Er wurde sofort zum Vorbild für Kirchenbaumeister im gesamten deutschsprachigen Raum. Kunsthistoriker Jacob Burckhardt hob den Turm 1869 in einer Vortragsreihe als besonderes Zeugnis hervor und verglich ihn mit den Türmen von Basel und Strassburg. Daraus entstand das gelegentlich falsch zitierte, aber weit verbreitete Lob vom schönsten Turm der Christenheit.
Zwei kleine Knicke im Maßwerk des Turmhelms, die man kaum bemerkt, sind übrigens kein Makel – sie fördern die Stabilität des Bauwerks und zeugen von meisterlichem Handwerk.
Eine Zwangspause von über 100 Jahren: Geldnot beim Chorbau
Im Jahr 1354 – also kurz nachdem der Turm im Wesentlichen fertiggestellt war – fasste die Stadt einen kühnen Entschluss: Ein neuer, großer, kathedralenhafter Chor sollte gebaut werden, mit Chorumgang und Kapellenkranz. Die Grundsteinlegung ist das erste gesicherte Baudatum für das gesamte Münster, überliefert durch eine Inschrift am Nordportal.
Der Chor war ein ehrgeiziges Projekt. Der dicht bebaute Münsterplatz, der damals zum großen Teil auch als Friedhof genutzt wurde, musste durch Abriss erheblich vergrößert werden. Die wohlhabenden Familien der Stadt wollten eigene Kapellen im Chorbereich – ein Wunsch, der das Projekt antrieb, aber auch teuer machte.
Und dann kam das Geld zu Ende. Zwischen 1368 und 1471 ruhten die Arbeiten am Chor aufgrund von Geldmangel – eine Zwangspause von mehr als 100 Jahren. Erst dann konnten die Bauarbeiten wieder aufgenommen werden, und das Hochchorgewölbe wurde schliesslich 1510 geschlossen.
1513: Die offizielle Weihe – und doch noch nicht ganz fertig
Am 1513 fand die feierliche Weihe des Münsters statt. Für die meisten Historiker gilt dieses Datum als offizielle Fertigstellung. Aber wer es genau nehmen will: Ganz fertig war das Gebäude auch danach noch nicht.
Der Kapellenkranz des Hochchores wurde erst 1536 fertiggestellt. Dieses Jahr gilt daher als der eigentliche Abschluss des mittelalterlichen Munsterbaus. Und dann, im Jahr 1620, kam noch ein letzter größerer Bauteil dazu: eine Renaissancevorhalle an der Südseite des Querhauses – bereits in einem völlig anderen Stilzeitalter, lange nach dem Ende der Gotik.
Rechnet man großzügig, ergibt sich also eine Bauzeit von rund 1200 bis 1536 – also gut 336 Jahre. Mit der Renaissancevorhalle von 1620 sind es sogar rund 420 Jahre. Offiziell spricht man von über 300 Jahren als Kerndauer des Bauprojekts.
Drei Stilepochen in einem Gebäude – ein einzigartiges Zeugnis
Das Besondere am Freiburger Münster ist genau diese lange Bauzeit: Sie hat ein Gebäude entstehen lassen, das drei verschiedene Architekturkonzeptionen in sich vereint. Spätromanik, Hochgotik und Spätgotik – jede Epoche hat ihre Handschrift hinterlassen.
Die älteren romanischen Teile zeigen massive, geschlossene Mauerflächen. Das gotische Langhaus ist bereits filigran und lichtdurchflutet. Und der Chor mit seinem Netzgewölbe hat die Schwere der tragenden Konstruktion vollständig überwunden – das Gewölbe hat hier nahezu ausschliesslich dekorativen Charakter. Wer das Münster mit Augen besucht, die für diese Unterschiede geschärft sind, erlebt einen lebendigen Schnitt durch das Architekturdenken von drei Jahrhunderten.
Ein Gebäude, das nie der Kirche gehörte
Ein oft überraschendes Faktum für Besucher: Das Freiburger Münster hat der Kirche nie gehört. Es war von Anfang an eine Bürger- und Stadtkirche – kein Klosterbau, keine bischöfliche Stiftung, sondern ein Projekt der Stadtgesellschaft, finanziert von Zünften, Kaufleuten und einzelnen Familien.
Erst 1827, nach der Gründung des Erzbistums Freiburg infolge der Umgestaltung Deutschlands durch den Wiener Kongress, wurde das Münster zum Bischofssitz erhoben und ist seitdem offiziell eine Kathedrale. Den Namen Münster hat es jedoch behalten – und damit auch seinen Charakter als Volkskirche.
Bis heute ist das Münster Eigentum des Münsterfabrikfonds, nicht der Erzdiözese. Der Freiburger Münsterbauverein, 1890 gegründet, kümmert sich um das äußere Steinwerk und unterhalt dafür eine eigene Münsterbauhütte mit ausgebildeten Steinmetzen, die in einer fast 800-jährigen Handwerkstradition arbeiten.
Heute: Das Münster wird noch immer gebaut
Wer am Münster Gerüste sieht, kann also beruhigt sein: Das ist kein Zeichen des Verfalls, sondern Zeichen lebendiger Pflege. Der Sandstein – ein Naturwerkstoff, der durch Luftverschmutzung, Witterung und die Jahrzehnte zunehmend leidet – muss kontinuierlich bearbeitet, ersetzt und konserviert werden. Teile des Turms bestehen noch heute zu über 80 Prozent aus originalem Steinmaterial aus der Bauzeit, also aus dem 13. und 14. Jahrhundert.
Neue Steine werden nach wie vor aus verschiedenen Brüchen gewonnen, zum Beispiel aus Freudenstadt oder aus dem Elsass. Jeder Stein ist ein Einzelstück – kein Sandsteinblock gleicht dem anderen, was die Restaurierungsarbeit besonders anspruchsvoll macht. Die Steinmetzen der Münsterbauhütte arbeiten mit der Hand, mit Werkzeugen in jahrhundertealter Tradition – und werden dabei von moderner Technik unterstützt, wo sie sinnvoll ist.
Das kompakte Angeberwissen zum Mitnehmen
Baubeginn: um 1200 – kein exaktes Datum belegt
Die Arbeiten begannen unter Herzog Berthold V. von Zähringen, dem letzten seines Geschlechts. Er initiierte den Bau als repräsentative Stiftskirche nach dem Vorbild des Basler Münsters.
Erste Bauphase – Spätromanik: ab ca. 1200
Querschiff und die Hahnentürme entstanden im spätromanischen Stil – massiv, wuchtig, mit runden Formen.
Zweite Bauphase – Gotik: 1220 bis ca. 1301
Das Langhaus wurde bereits im gotischen Stil errichtet. Das Strassburger Münster löste das Basler als Vorbild ab.
Westturm: ca. 1280 bis 1330
116 Meter hoch, mit durchbrochenem Maßwerk-Helm. Für rund ein Jahrhundert eines der höchsten Sakralgebäude der Welt.
Chorbau: ab 1354, mit Pause 1368 bis 1471
Über 100 Jahre Unterbrechung wegen Geldmangels. Grundsteinlegung 1354 ist das erste gesicherte Baudatum des Münsters.
Offizielle Weihe: 1513
Der Hochchorgewölbe war 1510 geschlossen worden, die Weihe folgte 1513.
Letzter mittelalterlicher Bauteil: Kapellenkranz 1536
Dieses Jahr gilt als eigentlicher Abschluss des Münsterbaus. Eine Renaissancevorhalle an der Südseite folgte noch 1620.
Gesamtbauzeit: über 300 Jahre (je nach Zählung bis zu 350 Jahre und mehr)
Drei Stilepochen, unzählige Baumeister und Generationen von Steinmetzen, Zunftmitgliedern und Bürgern haben dieses Gebäude hervorgebracht. Kein einziger von ihnen hat es vollständig fertig gesehen.
Fazit: Geduld als Baumaterial
Was den Bau des Freiburger Münsters so faszinierend macht, ist nicht nur die Lange der Zeit – es ist die Vorstellung, dass Menschen damals mit einer Selbstverständlichkeit auf die Zukunft vertrauten, die heute kaum noch denkbar ist. Wer 1200 zu bauen begann, wusste, dass er die Vollendung nie erleben würde. Und dennoch spendeten Bürger, schufteten Steinmetzen und planten Baumeister für eine Kirche, die ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln gehören sollte.
Das Ergebnis steht heute auf dem Münsterplatz: 125 Meter lang, 30 Meter breit, 116 Meter hoch, aus Sandstein gemeisselt, mit mittelalterlichen Glasfenstern belichtet und mit einem Turm, den Kunsthistoriker seit Jahrhunderten als Meisterwerk bezeichnen. Kein Aufzug, dafür 335 Stufen – und am Ende ein Blick über Freiburg, den Schwarzwald und bei gutem Wetter bis in die Vogesen.
Das nächste Mal, wenn du auf dem Wochenmarkt am Münsterplatz einen Kaffee trinkst und jemand fragt, wie lange das Münster eigentlich gebaut wurde: Du weisst es jetzt. Über 300 Jahre. Mindestens.
Foto: (c) BSF
