Klimaschutz auch in Freiburg
Stell dir vor, du gießt einen Eimer Wasser auf eine Betonplatte. Das Wasser läuft ab, sammelt sich in der Gosse, verschwindet in der Kanalisation. Jetzt gieß denselben Eimer auf eine Wiese. Das Wasser versickert, wird vom Boden gefiltert, trägt das Grundwasser auf und kühlt durch Verdunstung die Luft. Dieser kleine Unterschied – Beton versus Erde – ist einer der bedeutendsten klimatischen Eingriffe, den Menschen in Städten vorgenommen haben. Und er wird noch immer täglich wiederholt, flächendeckend, weltweit.
Städte bestehen heute zu einem erschreckend hohen Anteil aus versiegelten Flächen: Straßen, Parkplätze, Innenhöfe, Gehwege, Industriebrachen. In deutschen Großstädten sind je nach Stadtteil zwischen 40 und 80 Prozent der Fläche versiegelt. Das bedeutet: Regen kann nicht versickern, Pflanzen können nicht wurzeln, Boden kann sich nicht erholen. Die Stadt ist zu einer Maschine geworden, die Hitze produziert, Wasser ableitet und das lokale Klima verändert.
Die gute Nachricht: Es gibt eine Gegenbewegung. Entsiegelung – also das Aufbrechen von Asphalt und Beton und die Rückgabe von Flächen an die Natur – gilt mittlerweile als eine der wirksamsten Maßnahmen im städtischen Klimaschutz. Warum das so ist, was es bewirkt und warum es längst überfällig ist, erklärt dieser Artikel.
Was „Versiegelung“ eigentlich bedeutet
Versiegelt ist eine Fläche dann, wenn sie mit einem wasserdurchlässigen Material abgedeckt ist, das verhindert, dass Wasser oder Luft in den Boden eindringen. Das klingt technisch, ist aber im Alltag überall sichtbar: der Supermarktparkplatz aus Asphalt, die gepflasterte Einfahrt vor dem Eigenheim, die Betonfläche vor dem Bahnhof.
Selbst viele als „grün“ wahrgenommene Flächen in Städten sind de facto versiegelt: verdichtete Sportrasenflächen, die kaum Wasser aufnehmen, oder dünne Grünstreifen über Tiefgaragendecken, die keinen echten Bodenkontakt haben.
Das Problem mit Versiegelung ist nicht, dass einzelne Flächen versiegelt sind – es ist das Ausmaß. In Deutschland werden laut Umweltbundesamt täglich noch immer rund 52 Hektar Fläche neu verbraucht, davon geht ein erheblicher Teil in Versiegelung. Deutschland hat damit eines der höchsten Versiegelungsniveaus Europas.
Hitze, Hitze, Hitze – der städtische Wärmeinseleffekt
Das augenscheinlichste Klimaproblem versiegelter Städte ist die Überhitzung. Asphalt und Beton haben eine hohe Wärmespeicherkapazität: Sie absorbieren tagsüber Sonnenstrahlung, geben sie nachts als Wärme ab – und hindern damit Städte daran, nachts zu kühlen. Das Phänomen heißt „Urban Heat Island Effect“, der städtische Wärmeinseleffekt.
In Städten wie Stuttgart, Frankfurt oder Freiburg kann die Temperatur im Hochsommer in stark versiegelten Stadtvierteln um bis zu 8 bis 10 Grad Celsius höher liegen als im Umland. Das ist kein kleiner Unterschied – das ist die Schwelle zwischen unangenehm und lebensbedrohlich für vulnerable Bevölkerungsgruppen: ältere Menschen, Kranke, Kleinkinder.
Entsiegelte Flächen wechseln das Prinzip. Bepflanzter Boden gibt Wasser durch Verdunstung an die Luft ab. Dieser Prozess – Evapotranspiration – ist ein natürlicher Kühlmechanismus. Eine gut bewachsene Parkfläche kann die Umgebungstemperatur um 2 bis 5 Grad senken. Bäume in Baumscheiben, die echter Erde statt Beton ausgesetzt sind, leisten durch ihren Schattenwurf und ihre Transpirationsfähigkeit einen noch größeren Beitrag.
Das Ergebnis: Entsiegelung kühlt die Stadt. Nicht symbolisch, sondern messbar.
Wasser, das nirgendwo hinkan – die Problematik des Regenwassermanagements
Neben der Hitze ist Wasser das zweite große Problem versiegelter Städte. Wasser, das auf Asphalt fällt, hat nur einen Weg: weg. In die Kanalisation, in den nächsten Bach, in den Fluss. Das geht in zwei Richtungen schief.
Erstes Problem: Überschwemmungen. Bei Starkregen – und Starkregen wird durch den Klimawandel häufiger und intensiver – sind städtische Kanalnetze heillos überfordert. Das Wasser kann nicht versickern, es läuft oberflächlich ab, sammelt sich in Unterführungen, Kellern, tiefliegenden Straßen. Bilder überfluteter Städte nach Unwettern sind kein Zufall und kein Sonderfall mehr – sie sind das vorhersehbare Ergebnis jahrzehntelanger Versiegelungspolitik.
Das Hochwasser im Ahrtal 2021 war in seinem Ausmaß auch deshalb so verheerend, weil das Einzugsgebiet des Flusses durch Bebauung und Versiegelung massiv verändert worden war. Wasser, das früher langsam in Böden versickerte, lief schnell und konzentriert ab.
Zweites Problem: Grundwassermangel. Was nicht versickert, fehlt im Grundwasser. Deutschland hat in den letzten Jahren – besonders in den Trockensommern 2018, 2019 und 2022 – erhebliche Grundwasserabsenkungen erlebt. Die Wasserversorgung in manchen Regionen ist gefährdet. Landwirtschaft, Natur und Trinkwasserversorgung konkurrieren um schrumpfende Reserven.
Entsiegelte Flächen mit natürlicher Bodenstruktur lassen Regenwasser langsam versickern. Das entlastet die Kanalisation, verringert Überschwemmungsrisiken und lädt das Grundwasser auf. Es ist einer der einfachsten und gleichzeitig wirkungsvollsten Beiträge, den eine Stadt zum lokalen Wasserhaushalt leisten kann.
Boden als lebendiges System – was wir durch Versiegelung zerstören
Unter unserem Asphalt lebt eine Welt, von der die meisten Menschen keine Ahnung haben. Ein gesunder Boden enthält auf einem Quadratmeter bis zu mehrere Millionen Organismen: Bakterien, Pilze, Würmer, Insekten, Mikroben. Diese Gemeinschaft baut organische Substanz ab, speichert Kohlenstoff, filtert Wasser, produziert Nährstoffe – und das alles kostenlos und kontinuierlich, wenn man den Boden lässt.
Versiegelung tötet dieses System. Ohne Licht, ohne Niederschlag, ohne den Austausch mit der Oberfläche verarmt der Boden unter Beton innerhalb von Jahren biologisch. Der gespeicherte Kohlenstoff wird freigesetzt. Die Filterfunktion erlischt.
Entsiegelung allein reicht hier nicht immer. Wenn Beton aufgebrochen wird, ist der darunter liegende Boden oft mechanisch verdichtet und biologisch verarmt. Eine echte Regeneration braucht Zeit, Bepflanzung, manchmal aktive Revitalisierung durch das Einbringen von Humus und Saatgut. Aber der erste Schritt ist immer die Entsiegelung.
Renaturierter Boden bindet Kohlenstoff. Nicht in dem Maß, wie es die großen Klimaversprechen der Aufforstungsprojekte suggerieren, aber in einem messbaren, relevanten Umfang – besonders wenn er dauerhaft mit Vegetation bedeckt bleibt. Jede entsiegelte Fläche, die sich zu einer Wiese, einem Beet, einem Park entwickelt, leistet einen kleinen, stetigen Beitrag zur CO₂-Bindung.
Biodiversität in der Stadt – mehr als nur schön anzusehen
Entsiegelung ist nicht nur Klimaschutz im engeren Sinne – sie ist auch Naturschutz in der Stadt. Das mag paradox klingen: Städte als Naturräume? Tatsächlich können Städte unter den richtigen Bedingungen erstaunlich artenreiche Lebensräume sein.
Insekten, Vögel, Kleinsäuger, sogar Amphibien finden in städtischen Grünflächen Nahrung und Brutplätze – vorausgesetzt, die Flächen sind nicht betoniert oder mit kurz geschnittenem Einheitsrasen bedeckt. Blühende Ruderalflächen, also spontan begrünte, sich selbst überlassene Flächen, gehören zu den insektenreichsten Biotopen überhaupt.
Die Verbindung zur Klimawirkung ist direkt: Bestäuber sind für die Lebensmittelproduktion unverzichtbar. Ein urbanes Insektennetz, das durch entsiegelte Flächen gestützt wird, ist kein Luxus, sondern Teil der Ernährungssicherheit. Und: Naturnahe Flächen in Städten haben nachweislich positive Auswirkungen auf das physische und psychische Wohlbefinden der Stadtbevölkerung – ein Faktor, der in Klimaanpassungsstrategien oft unterschätzt wird.
Praxisbeispiele: Was schon heute funktioniert
Entsiegelung ist keine Theorie. In vielen Städten wird sie bereits umgesetzt, mit sichtbaren Ergebnissen.
Paris hat in den letzten Jahren massive Entsiegelungsprojekte umgesetzt. Besonders bekannt ist die Umgestaltung des Platzes vor dem Hôtel de Ville: Asphalt wurde durch Pflanzungen und wassergebundene Beläge ersetzt. Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, bis 2040 ein Drittel der Stadtfläche zu entsiegeln.
Kopenhagen gilt als Vorbild im Umgang mit Regenwasser. Nach einem verheerenden Starkregen 2011 hat die Stadt ein System dezentraler Rückhaltebecken und entsiegelter Flächen entwickelt, das Überschwemmungen abfedern soll. Gleichzeitig entstanden neue Grünräume in der Innenstadt.
Stuttgart kämpft mit einer besonders starken Überhitzung (die Stadt liegt in einem Kessel). Hier werden gezielt Kaltluftschneisen freigehalten, Parkplätze entsiegelt und Baumscheiben vergrößert. Das Stuttgarter Klimaanpassungskonzept gilt in Deutschland als fortschrittlich.
Freiburg im Breisgau – eine der sonnenreichsten Städte Deutschlands und daher besonders hitzegefährdet – arbeitet ebenfalls an Entsiegelungskonzepten. Die hohe Sonneneinstrahlung, die der Stadt ihren Ruf als „Solarhauptstadt“ eingebracht hat, macht sie gleichzeitig anfällig für Hitzeperioden. Entsiegelte Flächen, Stadtbäume und wassergebundene Wegedecken sind hier keine Kür, sondern Pflicht.
Was Entsiegelung kostet – und was sie spart
Ein häufiges Argument gegen Entsiegelung ist der Aufwand. Beton aufbrechen, Boden regenerieren, Bepflanzung anlegen und pflegen – das kostet Geld. Dieser Einwand ist berechtigt, er greift aber zu kurz.
Denn Versiegelung ist nicht kostenlos. Die versteckten Kosten sind erheblich: Überschwemmungsschäden durch überlastete Kanalisationen, Hitzesterblichkeit, steigende Energiekosten durch Kühlung von Gebäuden in überhitzten Stadtvierteln, sinkende Grundwasserspiegel, Gesundheitskosten. Eine Studie des Umweltbundesamtes hat berechnet, dass die externen Kosten der Flächeninanspruchnahme in Deutschland jährlich mehrere Milliarden Euro betragen.
Verglichen damit sind Entsiegelungsmaßnahmen oft günstig – besonders wenn man sie langfristig betrachtet. Entsiegelte Parkplätze, die zu Grünflächen werden, senken die städtische Kühlungsinfrastruktur. Gesunde Böden sparen Kanalausbaukosten. Revitalisierte Grundwasserspeicher sichern Trinkwasserversorgung.
Die Frage ist also nicht: Können wir uns Entsiegelung leisten? Die Frage ist: Können wir uns die Folgekosten weiter anschwellender Versiegelung leisten?
Hindernisse – warum es trotzdem so langsam geht
Wenn Entsiegelung so offensichtlich sinnvoll ist, warum passiert sie dann nicht schneller? Die Antworten sind komplex.
Eigentumsfragen sind ein zentrales Hindernis. Ein erheblicher Teil versiegelter Flächen in Städten befindet sich in privatem Eigentum: Einfahrten, Firmenparkplätze, Gewerbehöfe. Kommunen können hier nur durch Anreize (Fördergelder, Beratung) oder Regulierung (Bebauungsplanung, Grünflächensatzungen) einwirken.
Nutzungskonflikte spielen ebenfalls eine Rolle. Parkplätze abzuschaffen oder umzugestalten ist politisch heikel. Einzelhändler befürchten Kundenverlust, Anwohner Parknotstand. Dass gut gestaltete, begrünte Stadträume die Aufenthaltsqualität und damit auch die Frequenz steigern können, ist noch nicht überall angekommen.
Technische und rechtliche Komplexität kommt hinzu. Altlasten im Boden, unterirdische Leitungen, Denkmalschutz, Lärmschutzauflagen – all das macht Entsiegelung aufwendiger, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Fehlende Finanzierung bleibt ein Problem. Kommunen sind knapp bei Kasse. Entsiegelung ist als freiwillige Maßnahme schwer zu priorisieren, wenn Pflichtaufgaben drängen. Bund und Länder haben Förderprogramme aufgelegt, aber die Mittel sind begrenzt und die Antragsbürokratie abschreckend.
Was jetzt getan werden könnte – und muss
Die politischen Instrumente sind bekannt. Es fehlt an Entschlossenheit, sie einzusetzen.
Auf Bundesebene: Eine konsequente Fortführung der Zielsetzung, täglichen Flächenverbrauch auf unter 30 Hektar zu senken und mittelfristig netto auf null zu bringen. Förderung von Kommunen, die Entsiegelungsprojekte umsetzen. Steuerliche Anreize für private Grundstückseigentümer, die versiegeln.
Auf kommunaler Ebene: Pflicht zur Entsiegelung bei Neubauprojekten als Ausgleichsmaßnahme. Umgestaltung öffentlicher Parkplätze in entsiegelte, bepflanzte Flächen. Baumscheibenprogramme, die Stadtbäumen echten Bodenraum geben statt kleiner Gitter im Asphalt. Förderberatung für Privatpersonen, die Vorgärten und Einfahrten entsiegeln wollen.
Auf individueller Ebene: Wer einen Garten, eine Einfahrt, einen Hof hat, kann handeln. Schottergartenverbote, die in mehreren Bundesländern eingeführt wurden, gehen in die richtige Richtung. Schotter ist nicht pflegeleicht, er ist klimaschädlich: Er heizt sich auf, lässt kein Wasser versickern, bietet Tieren nichts. Ein Beet, eine Rasenfläche, selbst eine teilversiegelte Einfahrt mit begrünten Fugen ist in nahezu jeder Hinsicht besser.
Fazit: Der Boden unter unseren Füßen ist kein Abfall
Die Entsiegelung städtischer Flächen ist kein Nischenthema für Umweltromantiker. Sie ist eine handfeste Klimaschutzmaßnahme mit unmittelbaren, messbaren Wirkungen: weniger Hitze, weniger Überschwemmungen, mehr Grundwasser, mehr Biodiversität, mehr Lebensqualität.
Die Botschaft ist eigentlich einfach: Erde kann mehr als Beton. Sie kühlt, sie filtert, sie lebt, sie speichert. Wenn wir ihr die Chance geben.
Städte, die in den nächsten Jahrzehnten bewohnbar, klimaresilient und lebenswert bleiben wollen, werden gar keine andere Wahl haben, als ihre Flächen zurückzugeben – der Natur, dem Wasser, dem Boden. Jede entsiegelte Fläche ist dabei ein kleiner, aber realer Beitrag. Multipliziert über Tausende Kommunen, Millionen Grundstücke, Hunderte von Quadratkilometern Stadtfläche, kann daraus etwas Bedeutendes werden.
Es fängt unter unseren Füßen an.
Ein Beispiel siehe hier in Freiburg:
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Symbolbild: KI
