Eine Reise durch zweitausend Jahre Glaube, Stein und Wissenschaft
Es gibt Orte auf dieser Welt, die allein durch ihre schiere Existenz eine Frage stellen: Was war hier, bevor ich war? Der Petersdom in Rom gehört zweifellos zu diesen Orten. Wer zum ersten Mal den Petersplatz betritt, von Kolonnaden empfangen wie von zwei ausgebreiteten Armen, der spürt das Gewicht von Jahrhunderten. Über 600 Jahre Bauzeit, mehr als 1.000 Jahre Vorgeschichte, und ganz am Anfang: ein einfacher Fischer aus Galiläa, der hier, nach allem, was wir wissen, sein Leben ließ und begraben wurde.
Doch stimmt das wirklich? Liegt unter der prachtvollsten Kirche der Christenheit tatsächlich der Apostel Petrus begraben? Und welche Geschichten verbergen sich hinter den Mauern, die wir heute sehen – Geschichten, die weit vor dem Renaissance-Prachtbau beginnen, zurück in die Zeit Konstantins des Großen?
Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise durch zwei Jahrtausende – von der Hinrichtungsstätte auf dem Vatikanhügel bis zur größten Kirche der Welt.
Petrus in Rom – Legende oder Geschichte?
Um die Geschichte des Petersdoms zu verstehen, muss man bei Petrus selbst beginnen. Simon Petrus, geboren in Betsaida am See Gennesaret, war Fischer, Jünger Jesu und gilt nach christlicher Überlieferung als erster Bischof von Rom – als erster Papst, wenn man so will. Die Frage, ob Petrus überhaupt in Rom war, wurde lange von protestantischen Theologen und kritischen Historikern bezweifelt. Heute aber ist die Forschungslage eindeutiger als je zuvor: Es gibt keine ernstzunehmenden historischen Argumente mehr dagegen, dass Petrus tatsächlich nach Rom kam und dort den Märtyrertod starb.
Der erste außerbiblische Hinweis stammt von Clemens von Rom, der am Ende des ersten Jahrhunderts in einem Brief an die Korinther von Petrus als jemandem schreibt, der durch Neid und Missgunst seinen Tod fand – eine Formulierung, die auf Rom deutet. Ignatius von Antiochia, der um 110 n. Chr. selbst den Märtyrerweg nach Rom antrat, erwähnt Petrus und Paulus als besondere Autoritäten Roms. Und Dionysios von Korinth schreibt um 170 n. Chr. ausdrücklich, dass beide Apostel in Rom gelehrt und dort gemeinsam das Martyrium erlitten hätten.
Der Historiker Tacitus berichtet in seinen Annalen von der Christenverfolgung unter Kaiser Nero nach dem Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. Die Hinrichtungen, so Tacitus, fanden im Circus Neronis statt – einem Rennstadion, das sich auf dem Vatikanhügel, dem Mons Vaticanus, befand. Genau dort, wo heute der Petersdom steht. Tradition und frühe kirchliche Quellen sagen übereinstimmend, dass Petrus unter Nero gekreuzigt wurde – auf seinen eigenen Wunsch hin mit dem Kopf nach unten, da er sich nicht für würdig hielt, so zu sterben wie Christus. Das war etwa zwischen 64 und 68 n. Chr.
Nach dem Tod wurde Petrus in unmittelbarer Nähe seines Hinrichtungsortes begraben – eine zu jener Zeit ganz gewöhnliche Praxis. Christen kennzeichneten das Grab und hielten es in Ehren. Im zweiten Jahrhundert entstand über dem Grab ein kleines Monument, eine sogenannte Aedicula – ein Gedenkmal aus Marmor und Ziegel, das von frühen Pilgern aufgesucht wurde.
Die Aedicula – Das älteste Zeugnis
Zwischen 160 und 170 n. Chr. errichtet, war die Aedicula ein relativ schlichtes Bauwerk: zwei übereinander angeordnete Nischen, gestützt von einem kleinen Säulchen, eingebettet in eine rote Wand. Der Kirchenvater Gaius schreibt um 200 n. Chr. ausdrücklich davon, dass man die Tropaion – die Siegeszeichen, also die Grabmale – der Apostel Petrus und Paulus in Rom zeigen könne: Petrus auf dem Vatikan, Paulus an der Via Ostiense.
Diese Aedicula, so die spätere Ausgrabung bestätigen sollte, lag auf einem heidnischen Friedhof, der sich entlang der nördlichen Flanke des Circus Neronis erstreckte. Christen hatten das Recht erworben, in diesem Bereich zu bestatten – und so lag das Petrusgrab inmitten von Heidengräbern, eingebettet in eine vielkulturelle Totenlandschaft des antiken Roms.
Konstantin der Große und Alt-St. Peter
Das Jahr 313 n. Chr. veränderte die Geschichte des Christentums und damit auch des Vatikanischen Hügels grundlegend. Kaiser Konstantin der Große erließ mit dem Mailänder Edikt die Religionsfreiheit im Römischen Reich. Das Christentum, zuvor verfolgt und in den Untergrund gedrängt, konnte nun öffentlich praktiziert werden. Konstantin selbst, ob aus echtem Glauben oder politischem Kalkül – die Historiker streiten bis heute –, wurde zum größten Kirchenbauer der Antike.
Und er begann sein Bauprogramm mit dem wichtigsten Ort der jungen Kirche: dem Grab des Petrus.
Das Vorhaben – ein Monument für die Ewigkeit
Irgendwann zwischen 319 und 322 n. Chr. begannen die Arbeiten an der ersten Peterskirche, die die Nachwelt als Alt-St. Peter oder die Konstantinische Basilika kennt. Das Projekt war enorm und technisch wie logistisch außerordentlich anspruchsvoll. Der Vatikanhügel ist kein ebenes Gelände – er ist eine abfallende, unregelmäßige Erhebung. Um eine monumentale Basilika zu errichten, musste zunächst eine riesige Terrasse geschaffen werden. Teile des Hügels wurden abgetragen, andere Bereiche aufgefüllt. Der bestehende heidnische Friedhof, der das Petrusgrab umgab, wurde dabei großteils einplaniert – was aus heutiger archäologischer Sicht Verluste bedeutete, aber gleichzeitig eine Konservierung des Untergrundes bewirkte.
Die Lage war nicht zufällig gewählt. Konstantin ließ die Basilika so ausrichten, dass die Apsis – der halbrunde Abschluss am Hauptaltar – direkt über der Aedicula, dem Grabmonument des Petrus, zu liegen kam. Das Petrusgrab befand sich buchstäblich im Mittelpunkt des Bauwerks, unter dem Hochaltar. Damit wurde eine Tradition begründet, die bis heute fortbesteht: Der Hochaltar des Petersdoms steht exakt über dem Grab des Apostels.
Der Bau der konstantinischen Basilika
Alt-St. Peter war eine typische frühchristliche Basilika im römischen Stil: ein langgestreckter Rechteckbau mit einem Mittelschiff und vier Seitenschiffen, einem mächtigen Querhaus und der Apsis im Westen. Die Kirche war etwa 90 Meter lang und 65 Meter breit – für die damalige Zeit ein gewaltiges Bauwerk. Der Eingang lag im Osten, sodass Gläubige beim Betreten in Richtung der untergehenden Sonne blickten, ein Bild des Todes, und beim Gehen zum Altar in Richtung Westen, dem Grab des Petrus.
Vor der Kirche lag ein großer offener Atrium, ein Vorhof mit Portiken und einem zentralen Brunnen – dem sogenannten Cantharus –, an dem Pilger sich reinigen konnten, bevor sie das Heiligtum betraten. Die Fassade war schlicht, der Innenraum dafür mit Marmor, Mosaiken und Gold geschmückt. Konstantin selbst soll großzügig Geschenke gestiftet haben: goldene Lampen, Leuchter, liturgisches Gerät und Silberreliefs.
Die Bedeutung von Alt-St. Peter
Die konstantinische Basilika sollte rund 1.200 Jahre lang bestehen – von ihrer Fertigstellung ungefähr im Jahr 329 n. Chr. bis zu ihrem schrittweisen Abriss ab 1506. In dieser langen Zeit war sie das geistliche Zentrum des westlichen Christentums, Krönungsort von Kaisern, Pilgerstätte für Millionen, Schauplatz von Konzilen, Zeremonien und Dramen. Karl der Große wurde hier an Weihnachten 800 n. Chr. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Zahllose Päpste wurden hier begraben.
Allerdings verfiel die Basilika über die Jahrhunderte zunehmend. Die gotischen Stürme des frühen Mittelalters, Plünderungen – insbesondere die Visigothen 410 und die Vandalen 455 n. Chr. –, Erdbeben und nachlässige Pflege hinterließen Spuren. Im 15. Jahrhundert war der Zustand des Gebäudes besorgniserregend. Die Mauern waren schief, das Dach drohte einzustürzen. Es war klar: Die erste Peterskirche hatte ihre Zeit überdauert.
Der Neue Petersdom – Ein Projekt für die Ewigkeit
Die Idee, Alt-St. Peter durch einen Neubau zu ersetzen, war nicht plötzlich. Papst Nikolaus V. (1447–1455) ließ erste Pläne und Voruntersuchungen durch den Architekten Bernardo Rossellino anfertigen. Aber das eigentliche Projekt begann erst unter Papst Julius II., einem der einflussreichsten und streitbarsten Päpste der Geschichte.
Der Grundstein – 1506
Am 18. April 1506 legte Papst Julius II. den Grundstein für den neuen Petersdom. Es war ein historischer Moment – und ein ungeheuer mutiges, ja rücksichtsloses Unternehmen. Der Abriss von Alt-St. Peter, einem der heiligsten Orte der Christenheit, löste bei vielen Zeitgenossen Entsetzen aus. Der Humanist und Gelehrte Jacopo da Maso soll geweint haben, als er die ersten Abbrucharbeiten sah. Für viele war es ein Sakrileg.
Der erste beauftragte Architekt war Donato Bramante (1444–1514), einer der bedeutendsten Architekten der Hochrenaissance. Bramante entwarf einen zentralisierten Kuppelbau in Form eines griechischen Kreuzes – ein kühnes, revolutionäres Konzept. Er begann mit dem Abriss der konstantinischen Basilika, was ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen Maestro Ruinante einbrachte. Bramante starb 1514, ohne seinen Plan verwirklichen zu sehen, und hinterließ eine halbfertige Baustelle.
Die langen Jahrzehnte des Bauens
Nach Bramante folgten eine Reihe bedeutender Architekten, die alle ihre eigenen Ideen und Pläne mitbrachten:
Raffael (1514–1520) modifizierte Bramantes Entwurf in Richtung eines Langhauses – näher an der traditionellen Basilika-Form. Auch er starb, bevor nennenswerte Fortschritte erzielt wurden.
Antonio da Sangallo der Jüngere arbeitete jahrzehntelang an dem Projekt und ließ sogar ein riesiges Holzmodell anfertigen, das noch heute im Vatikanischen Museum zu besichtigen ist.
Doch die entscheidende Wende kam mit Michelangelo Buonarroti. Im Jahr 1546 wurde der damals 71-jährige Meister von Papst Paul III. zum Chefarchitekten des Petersdoms ernannt. Michelangelo kehrte weitgehend zu Bramantes Ursprungsidee eines zentralisierten Baus zurück, vereinfachte und klärte den Entwurf aber erheblich. Er entwarf die gewaltige Kuppel, die bis heute das Wahrzeichen des Petersdoms ist – und die ihn selbst nicht mehr erleben sollte. Michelangelo starb 1564; die Kuppel wurde nach seinen Modellen und Zeichnungen von Giacomo della Porta und Domenico Fontana vollendet und 1590 geschlossen.
Carlo Maderno schließlich verlängerte den Bau zwischen 1607 und 1614 um ein Langhaus und gestaltete die heutige Fassade – was Michelangelos großartigen Kuppelblick von der Piazza aus leider verdeckt, ein Kompromiss, den Architekturliebhaber bis heute beklagen.
Das letzte große Element schuf Gian Lorenzo Bernini: die berühmten Kolonnaden des Petersplatzes, zwischen 1656 und 1667 gebaut, sowie der mächtige bronzene Baldachin über dem Hochaltar, vollendet 1634. Berninis Baldachin, fast 30 Meter hoch, steht direkt über dem Grab des Petrus – und verbindet in gewisser Weise den Himmel des Kuppelraums mit der Erde des Apostelgrabes.
Die Einweihung – 1626
Am 18. November 1626 weihte Papst Urban VIII. den neuen Petersdom ein – genau 1.300 Jahre nach der Einweihung der konstantinischen Vorgängerkirche, soweit man das Datum der alten Weihe kennt. Vom ersten Spatenstich bis zur Vollendung hatte es 120 Jahre gedauert. Der Petersdom war nun mit einer Länge von 218 Metern, einer Fassadenbreite von 115 Metern und einer Kuppelhöhe von fast 136 Metern das größte Kirchengebäude der Welt – ein Rang, den er erst 1989 an die Basilika Notre-Dame de la Paix im ivorischen Yamoussoukro abgeben musste.
Die große Frage: Liegt Petrus wirklich dort begraben?
Jahrtausendelang war die Überzeugung, dass Petrus unter dem Altar des Petersdoms ruhe, reine Glaubenssache. Archäologische Beweise fehlten. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert – und die Geschichte dieser Entdeckung ist eines der spannendsten Kapitel der wissenschaftlichen Theologie überhaupt.
Die Ausgrabungen unter Pius XII.
Im Jahr 1939 starb Papst Pius XI. und wurde in den Vatikanischen Grotten beigesetzt, dem Bereich direkt unter dem Petersdom, wo seit der Spätantike Päpste ruhen. Bei dieser Gelegenheit beauftragte sein Nachfolger Pius XII. eine systematische archäologische Untersuchung des Untergrunds – die erste dieser Art in der Geschichte des Vatikans.
Von 1940 bis 1949 gruben Archäologen und Fachleute unter strengster Geheimhaltung unter dem Petersdom. Was sie fanden, übertraf alle Erwartungen: den kompletten antiken Friedhof, den Konstantin beim Bau seiner Basilika hatte überschütten lassen. Die Grabkammern – Mausoleen –, teils heidnisch, teils christlich, waren fast vollständig erhalten. Mosaiken, Stuckarbeiten, Inschriften, Sarkophage: ein archäologisches Wunder erster Ordnung.
Und: Sie fanden die Aedicula. Das Grabmonument des Petrus aus dem zweiten Jahrhundert, eingebettet in die rote Wand, exakt dort, wo es nach der Überlieferung sein musste.
Die rote Wand und die Knochen
Bei der Untersuchung der Aedicula entdeckten die Archäologen, dass unmittelbar daneben, in die rote Wand eingelassen, eine Nische war – und dass diese Nische leer war. Knochen, die ursprünglich dort gelegen haben mochten, fehlten. Eine Enttäuschung für die Forscher.
Doch dann kam die entscheidende Wendung, und sie verdankt sich einer Frau: Margherita Guarducci, einer Epigraphikerin – einer Fachfrau für antike Inschriften. Guarducci wurde 1952 hinzugezogen, um die Graffiti zu untersuchen, die auf der roten Wand zu finden waren. Tausende von Kratzspuren, Namen, Symbole, Bitten. Guarducci erkannte in den Zeichen eine Reihe von verschlüsselten Botschaften griechischer Pilger, darunter immer wieder den Namen Petros eni – „Petrus ist hier drin“.
Bei weiteren Untersuchungen machte Guarducci eine aufsehenerregende Entdeckung: In einem anderen Bereich des Grabkomplexes, in einem kleinen Repositorium, befanden sich Knochen, die 1941 von einem Mitarbeiter der Ausgrabung – möglicherweise aus Versehen oder ohne deren Bedeutung zu erkennen – in eine Kiste gelegt worden waren. Diese Knochen waren nie untersucht worden.
Die wissenschaftliche Analyse
Guarducci veranlasste eine forensische Untersuchung der Knochen durch den Anatomen Venerando Correnti. Das Ergebnis war verblüffend: Es handelte sich um die Überreste eines einzigen Menschen, eines älteren Mannes, ungefähr 60 bis 70 Jahre alt, von kräftiger Statur. Das Alter passte zur Überlieferung über Petrus, der zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung in den späten 60er Jahren n. Chr. ein alter Mann gewesen sein muss.
Außerdem fanden sich in der Erde, in der die Knochen lagen, winzige Gewebefragmente, die mit purpurfarbenen und golddurchwirkten Stoffen vermengt waren – im christlichen Kontext ein Hinweis auf eine bewusste, ehrfurchtsvolle Bestattung oder Beisetzung. Die Knochen zeigten keinerlei Spuren von Füßen oder Händen – was manche Interpreten mit der Kreuzigung in Verbindung brachten, bei der diese Körperteile am stärksten leiden.
1968 gab Papst Paul VI. offiziell bekannt, dass die Reliquien des Heiligen Petrus identifiziert worden seien. Er sprach von „bescheidenen, aber konkreten“ Beweisen. Eine absolute wissenschaftliche Gewissheit – das war ihm bewusst – konnte und kann die Kirche nicht bieten. Aber die Gesamtheit der Indizien, die archäologischen, epigraphischen und anthropologischen Befunde, ist so stark, dass heute die übergroße Mehrheit der Fachleute – Historiker, Archäologen, Theologen – der Überzeugung ist: Ja, das Grab des Petrus befindet sich unter dem Petersdom, und die gefundenen Knochen gehören mit hoher Wahrscheinlichkeit zu ihm.
Was sagt die moderne Wissenschaft?
Seit den Ausgrabungen der 1940er Jahre hat die Forschung nicht stillgestanden. DNA-Analysen der Knochen wurden nicht systematisch durchgeführt – zum einen aus technischen Gründen (das Material ist alt und fragmentiert), zum anderen aus dem verständlichen Zögern der Kirchenbehörden, heilige Reliquien invasiven Prozeduren zu unterziehen.
Was wir mit Sicherheit sagen können:
1. Der Friedhof ist echt. Die vatikanischen Katakomben unter dem Petersdom, die seit den 1940er Jahren für kleine Führungsgruppen zugänglich sind (Scavi-Führungen müssen Monate im Voraus gebucht werden), sind einer der am besten erhaltenen antiken Friedhöfe überhaupt.
2. Die Aedicula ist echt. Das Grabmonument aus dem zweiten Jahrhundert wurde exakt dort gefunden, wo frühe christliche Quellen es verorten.
3. Konstantins Basilika wurde absichtlich über diesem Grab errichtet. Der bautechnische Aufwand, den der Kaiser betrieb, um genau diesen Punkt zum Mittelpunkt des Bauwerks zu machen, ist ein starker historischer Beweis dafür, dass man schon in seiner Zeit überzeugt war: Hier liegt Petrus.
4. Die Knochen passen zur Überlieferung. Zufälle spielen in der Geschichte oft eine Rolle, aber der Fund von Knochen eines alten, kräftigen Mannes genau an diesem Ort ist schwer als bloßen Zufall zu erklären.
Ein Gang durch das heutige Bauwerk
Wer den Petersdom heute besucht, wird von der schieren Dimension überwältigt. Bald merkt man, dass man die Dimensionen durch eine Art psychologische Täuschung unterschätzt hat: Die bekannte Cherub-Figur am zweiten Weihwasserbecken etwa, die man für eine normale Putte hält, ist in Wirklichkeit so groß wie ein ausgewachsener Mann.
Der Baldachin Berninis über dem Hauptaltar ist das erste, was den Blick nach oben zwingt. Dann die Kuppel: Michelangelos Meisterwerk, von innen mit Goldmosaiken geschmückt und der Umschrift aus dem Matthäusevangelium: „Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam“ – „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“
Direkt unter dem Baldachin, durch eine Brüstung abgegrenzt, öffnet sich die Confessio – ein Bereich, von dem aus man in die Grotten und damit in Richtung Petrusgrab hinabblickt. Silberne Lampen brennen hier Tag und Nacht. Es ist der emotionalste Ort in der ganzen Kirche.
Wer eine der begehrten Scavi-Führungen ergattert hat, steigt noch tiefer hinab – unter die Grotten, in den antiken Friedhof selbst. Man geht durch Grabkammern, vorbei an heidnischen Mosaiken, an christlichen Symbolen, durch die Geschichte der Religionen Roms. Am Ende steht man vor der Aedicula, dem kleinen Monument, das der eigentliche Kern von allem ist – kleiner, zerbrechlicher, als man erwartet hätte.
Das Vermächtnis von zwei Jahrtausenden
Der Petersdom ist nicht nur ein Bauwerk. Er ist eine akkumulierte Geschichte von Glauben, Macht, Kunst, Wissenschaft und menschlicher Sehnsucht nach dem Transzendenten.
Er beginnt mit einem Fischer, der irgendwann in den 60er Jahren des ersten Jahrhunderts auf dem Vatikanhügel hingerichtet wurde und von Mitchristen in der Erde vergraben wurde. Er beginnt mit einer kleinen Gemeinschaft, die dieses Grab hütete und markierte, als das noch gefährlich war.
Er führt weiter zu einem Kaiser, der das Reich um dieses Grab herumbaut – buchstäblich: Er lässt einen Hügel abtragen und einen Friedhof überschütten, nur damit das Grab des Apostels im Zentrum seiner Kirche liegt.
Er führt durch zwölf Jahrhunderte, in denen Pilger aus ganz Europa den Weg nach Rom machen, über die Alpen, über das Meer, um an diesem Grab zu knien und um Fürbitte zu bitten.
Er führt zu den Päpsten der Renaissance, die Alt-St. Peter abreißen lassen – ein Sakrileg, sagen die einen; eine Notwendigkeit, sagen die anderen – und über mehr als hundert Jahre den größten Sakralbau der Welt entstehen lassen, mit Bramante, Michelangelo, Raffael, Maderno und Bernini als den Hauptakteuren eines der längsten Bauprojekte der Kunstgeschichte.
Und er führt in die Tiefe: in die Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts, in die akribische Arbeit von Archäologen und Epigraphikerinnen, die unter dem Prunk der Renaissance die schlichte Wahrheit der Antike freilegten.
Fazit: Glaube und Wissenschaft, einmal einig
Es ist nicht oft, dass Glaubensüberlieferung und archäologische Wissenschaft so eng zusammenkommen wie im Fall des Petrusgrabes. Die Beweise sind nicht absolut – das wäre bei einem Fall aus dem ersten Jahrhundert auch ein Wunder. Aber sie sind beeindruckend:
- Frühe literarische Quellen, die das Grab lokalisieren
- Ein antikes Monument (Aedicula), das exakt am überlieferten Ort gefunden wurde
- Konstantins enormer Bauaufwand, der nur sinnvoll ist, wenn man diesen Ort als heilig betrachtete
- Knochen eines alten Mannes, die zur Überlieferung passen
- Graffiti, die den Namen des Apostels an genau diesem Ort bezeugen
Die Wahrscheinlichkeit, dass all das zufällig zusammenkommt und trotzdem nicht das Grab des Petrus ist, ist gering. Sehr gering.
Der Petersdom ist damit nicht nur das Monument menschlichen Baukönnens, nicht nur ein Zentrum weltlicher und kirchlicher Macht, nicht nur ein Meisterwerk der Renaissance-Architektur. Er ist, wenn die Forschung recht hat, auch das, was er von Anfang an sein sollte: ein Grab. Das Grab eines Mannes aus Galiläa, der vor fast zweitausend Jahren glaubte, und für diesen Glauben starb.
„Tu es Petrus“ – „Du bist der Fels.“ Und auf diesem Fels, buchstäblich und im übertragenen Sinne, steht bis heute alles, was danach kam.
Quellen und weiterführende Literatur: Margherita Guarducci, „Pietro in Vaticano“ (1983); John Evangelist Walsh, „The Bones of St. Peter“ (1982); Antonio Ferrua u. a., „Esplorazioni sotto la Confessione di San Pietro in Vaticano“ (1951); Vatikanische Ausgrabungsstätte (Ufficio Scavi), Vatican.va.

1 Gedanken zu „Der Petersdom – Wann wurde er gebaut, und liegt dort wirklich Petrus begraben?“