Auswanderung aus Deutschland, warum?
Deutsche wandern hauptsächlich aus beruflichen Gründen aus (58% der Befragten), gefolgt von Lebensstil-Änderungen und familiären Motiven. Unzufriedenheit mit Deutschland spielt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle (17%).
Jedes Jahr verlassen etwa 270.000 Deutsche ihre Heimat und ziehen ins Ausland. Im Jahr 2023 gab es rund 1,3 Millionen Abwanderungen aus Deutschland. Darunter waren rund eine Million Ausländer und 265.000 Deutsche. Doch was treibt sie dazu an, Deutschland zu verlassen? Aktuelle Studien liefern überraschend eindeutige Antworten.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
Die umfangreichste Untersuchung zu diesem Thema ist die German Emigration and Remigration Panel Study (GERPS), eine repräsentative Langzeitstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und der Universität Duisburg-Essen. An der ersten Befragung zwischen November 2018 und Februar 2019 beteiligten sich über 11.000 Personen.
1. Berufliche Gründe dominieren eindeutig
58 % der Befragten geben berufliche Gründe als Motivation an. Dies macht berufliches Weiterkommen zum mit Abstand häufigsten Grund für deutsche Auswanderung. Insgesamt nennen 58 Prozent der Befragten eigene berufliche Gründe bei der Entscheidung für ein Leben im Ausland, weitere 29 Prozent geben den Beruf des Partners beziehungsweise der Partnerin an.
Berufliche Verbesserungen konkret:
- Höhere Gehälter und bessere Karrierechancen
- Der persönliche monatliche Nettoverdienst von Vollzeitbeschäftigten zwischen den letzten Monaten vor der Auswanderung und dem Zeitpunkt der Befragung im Ausland deutlich angestiegen ist
- Internationale Berufserfahrung sammeln
- Spezialisierung in Engpassberufen
2. Lebensstil und persönliche Entwicklung
Weitere Motive, Deutschland zumindest temporär zu verlassen sind demnach der eigene Lebensstil (46 Prozent). Zudem berichten viele Ausgewanderte, dass sie mit dem Auslandsaufenthalt neue Erfahrungen sammeln wollen oder eine Lebensstilveränderung beabsichtigen.
3. Familie und Partnerschaft
Familie und Partnerschaft (36 Prozent) sind der dritthäufigste Grund. Interessant: Bei der Rückkehr nach Deutschland spielen familiäre Gründe eine noch größere Rolle. Für die Rückkehr vor allem familiäre Gründe eine entscheidende Rolle, wie sich bei über 40 Prozent der Befragten gezeigt hat.
4. Bildung und Studium
Die Fortführung des Studiums (20 Prozent) ist besonders bei jüngeren Auswanderern ein wichtiger Faktor.
Was NICHT der Hauptgrund ist: Unzufriedenheit mit Deutschland
Entgegen vieler Vermutungen ist Unzufriedenheit mit Deutschland nicht der Hauptantrieb für Auswanderung. Eine Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland wird in 18 Prozent der Fälle angegeben. Demgegenüber ist nur für eine kleinere Minderheit von 17 Prozent die Unzufriedenheit mit ihrem Leben in Deutschland ein zentrales Auswanderungsmotiv.
Professor Marcel Erlinghagen, einer der Studienleiter, fasst zusammen: „Entscheidend seien Beruf, Neugier auf neue Erfahrungen und familiäre Gründe. Unzufriedenheit spielt keine nennenswerte Rolle.“

Wer wandert aus? Das Profil deutscher Auswanderer
Die Daten zeigen ein klares Bild der typischen deutschen Auswanderer:
Alter: Sie sind im Schnitt 36,6 Jahre alt und liegt damit rund zehn Jahre unter dem Alter der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der 25- bis 39-Jährigen liegt mit 63 Prozent bei den ins Ausland umgezogenen Deutschen deutlich über dem Anteil dieser Altersklasse in der Gesamtbevölkerung in Deutschland.
Bildung: 76 % der untersuchten Personen verfügen über einen Hochschulabschluss. Menschen mit hohen Berufsabschlüssen entscheiden sich zudem weitaus häufiger für einen Umzug ins Ausland. Etwa drei Viertel der befragten Deutschen haben einen Hochschulabschluss, obwohl sie in der Bevölkerung nur gut ein Viertel ausmachen.
Auswanderung als Chance, nicht als Flucht
Die Forschung zeigt eindeutig: Die Auswanderung von Deutschen ist chancengetrieben und wird vielfach zur Gestaltung der Karriere genutzt. Der Weg ins Ausland ist chancengetrieben – es gehen […] diejenigen, die schon in Deutschland erfolgreich waren und den nächsten Karriereschritt planen.
Auswanderungsbereitschaft in der Gesamtbevölkerung
Eine aktuelle YouGov-Umfrage von 2025 zeigt: 49 Prozent der Befragten haben schon einmal überlegt, aus Deutschland auszuwandern. Dies zeigt, dass Auswanderungsgedanken in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet sind, auch wenn nur ein Bruchteil diese Überlegungen tatsächlich umsetzt.
Die positive Seite: Steigende Lebenszufriedenheit
Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung belegt: Auswanderung macht glücklicher. Demnach stieg die Lebenszufriedenheit der Teilnehmenden nach ihrer Auswanderung auf einer Skala von 0 bis 10 durchschnittlich um 0,5 Punkte an. „Dies ist ein bemerkenswerter Anstieg, der im Vergleich etwa doppelt so hoch ist wie der Zugewinn durch einen Umzug innerhalb Deutschlands oder die Geburt eines Kindes“
Deutschland als Zirkulationsland
Wichtig zu bemerken: Die meisten Auswanderungen sind temporär. Jedes Jahr verlassen durchschnittlich 180.000 Personen aus der untersuchten Gruppe das Land; 129.000 Personen kehren im gleichen Zeitraum nach Deutschland zurück. Berücksichtigt man, dass gleichzeitig knapp zwei Drittel (62 Prozent) der deutschen Ausgewanderten mit dem Gedanken spielen, wieder nach Deutschland zurückzukehren, zeigt sich, dass Auslandsaufenthalte in den meisten Fällen ein vorübergehendes Phänomen sind.
Fazit: Auswanderung als Karrierestrategie
Die Daten zeichnen ein eindeutiges Bild: Deutsche Auswanderung ist primär eine Karriere- und Lebensstrategie hochqualifizierter, junger Menschen, die internationale Erfahrungen sammeln und beruflich vorankommen möchten. Es handelt sich nicht um eine „Flucht“ aus Deutschland, sondern um eine bewusste Entscheidung zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung.
Symbolbild: KI generated
