Das große Missverständnis: Wenn die Falschen an die Spitze kommen
In deutschen Unternehmen passiert es täglich: Ein Mitarbeiter wird zum Vorgesetzten befördert – und scheitert kläglich. Nicht, weil er ein schlechter Mensch ist, sondern weil er für eine Aufgabe ausgewählt wurde, für die er nie qualifiziert war. Das Problem liegt nicht bei den Personen, sondern bei einem fundamentalen Missverständnis darüber, was Führung eigentlich bedeutet.
Die drei häufigsten Fehlbesetzungen
Der Dienstälteste: „Sie kennen sich hier aus“
Klaus ist seit 20 Jahren im Unternehmen. Er kennt jeden Prozess, jeden Kunden, jede Abkürzung. Als sein Chef in Rente geht, ist für das Management klar: Klaus wird der neue Abteilungsleiter. Schließlich verdient er es sich, und wer könnte die Abteilung besser führen als jemand, der schon so lange dabei ist?
Das Problem: Betriebszugehörigkeit ist kein Indikator für Führungskompetenz. Klaus mag ein exzellenter Fachexperte sein, aber kann er auch schwierige Gespräche führen? Konflikte lösen? Strategisch denken? Mitarbeiter motivieren und entwickeln? Die Antwort ist meist: nein.
Der Schleimer: „Er kann gut mit Menschen umgehen“
Sandra hat ein Talent: Sie kann jedem das Gefühl geben, wichtig zu sein. Dem Chef gegenüber ist sie stets loyal, kritisiert nie, nickt zu allem. Sie navigiert geschickt durch die Büropolitik und hat sich in alle wichtigen Kreise hineingeschleimt. Ihre fachlichen Leistungen sind mittelmäßig, aber sie ist beliebt – zumindest bei den Entscheidern.
Das Problem: Schleimen ist das Gegenteil von Führung. Echte Führung bedeutet manchmal, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, klare Grenzen zu setzen und auch mal „nein“ zu sagen. Wer nur gefallen will, kann nicht führen.
Der Verkäufer: „Er bringt die Zahlen“
Michael ist der Topverkäufer des Unternehmens. Monat für Monat übertrifft er seine Ziele. Er ist ehrgeizig, durchsetzungsstark und weiß, wie man Kunden überzeugt. Als eine Führungsposition frei wird, ist die Entscheidung schnell getroffen: Wer so gut verkaufen kann, kann auch ein Team führen.
Das Problem: Verkaufen und Führen sind völlig verschiedene Kompetenzen. Ein Verkäufer überzeugt Kunden für einen Moment, eine Führungskraft muss Menschen langfristig entwickeln und motivieren. Was im Verkauf funktioniert – Druck, Manipulation, kurzzeitiger Erfolg – zerstört Vertrauen und Teamgeist.
Die verheerenden Folgen falscher Personalentscheidungen
Für die „Führungskraft“
Die frisch ernannte Führungskraft merkt schnell: Das ist ein komplett anderer Job. Statt fachlicher Probleme muss sie plötzlich zwischenmenschliche Konflikte lösen. Statt ihre eigenen Aufgaben zu erledigen, muss sie andere koordinieren und motivieren. Statt Einzelkämpfer zu sein, muss sie Teamplayer werden.
Das Ergebnis: Überforderung, Frustration, Burnout. Viele versuchen, ihre alte Rolle weiterzuführen – sie machen die Arbeit ihrer Mitarbeiter selbst, weil sie nicht wissen, wie man delegiert und kontrolliert.
Für das Team
Die Mitarbeiter leiden unter inkompetenter Führung. Sie erleben:
- Unklare Kommunikation und widersprüchliche Anweisungen
- Fehlende Unterstützung und Entwicklung
- Unfaire Behandlung und willkürliche Entscheidungen
- Mangelnde strategische Ausrichtung
- Demotivation und innere Kündigung
Für das Unternehmen
Die Kosten sind immens:
- Sinkende Produktivität und Qualität
- Höhere Fluktuation und Krankenstand
- Imageschäden und Kundenverluste
- Verschwendete Ressourcen für Nachbesetzungen
- Verlorene Innovationskraft
Was echte Führung ausmacht
Führung ist eine eigenständige Profession mit spezifischen Kompetenzen:
Emotionale Intelligenz: Die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen zu erkennen, zu verstehen und zu steuern.
Kommunikationsfähigkeit: Klar, verständlich und wertschätzend zu kommunizieren – auch in schwierigen Situationen.
Strategisches Denken: Über den Tellerrand hinaus zu blicken und langfristige Ziele zu entwickeln.
Entwicklungsorientierung: Mitarbeiter zu fordern, zu fördern und zu befähigen.
Konfliktlösungskompetenz: Streitigkeiten konstruktiv zu lösen und Spannungen zu deeskalieren.
Entscheidungsfähigkeit: Auch unter Unsicherheit klare Entscheidungen zu treffen und dafür Verantwortung zu übernehmen.
Die Lösung: Führung als erlernbare Kompetenz begreifen
Potenzial erkennen, nicht Vergangenheit belohnen
Unternehmen müssen aufhören, Führungspositionen als Belohnung für langjährige Treue oder fachliche Leistung zu vergeben. Stattdessen sollten sie gezielt nach Führungspotenzial suchen:
- Wer zeigt bereits informelle Führungsqualitäten?
- Wer kann andere motivieren und inspirieren?
- Wer denkt in Zusammenhängen und über die eigene Aufgabe hinaus?
- Wer kann konstruktiv mit Konflikten umgehen?
Führung lernen lassen
Niemand wird als Führungskraft geboren. Die notwendigen Kompetenzen können und müssen erlernt werden:
Systematische Vorbereitung: Potenzielle Führungskräfte sollten schrittweise an die Aufgabe herangeführt werden – durch Mentoring, Coaching und gezielte Entwicklungsprogramme.
Praktische Erfahrungen: Projektleitung, Teamverantwortung in kleineren Bereichen oder Vertretungsregelungen bieten die Möglichkeit, Führung zu üben.
Kontinuierliche Weiterbildung: Führung ist ein lebenslanger Lernprozess. Auch erfahrene Führungskräfte müssen sich regelmäßig weiterbilden.
Führung messen und bewerten
Führungsqualität darf nicht dem Zufall überlassen werden. Unternehmen brauchen klare Kriterien und regelmäßige Bewertungen:
- 360-Grad-Feedback von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten
- Messbare Ziele für Mitarbeiterentwicklung und Teamleistung
- Regelmäßige Reflexion und Anpassung des Führungsstils
Fazit: Führung ist zu wichtig für den Zufall
Die Zeiten, in denen Führungspositionen nach dem Anciennitätsprinzip oder als Belohnung für fachliche Leistung vergeben wurden, sind vorbei. Unternehmen, die im Wettbewerb bestehen wollen, brauchen echte Führungskräfte – Menschen, die andere begeistern, entwickeln und zum Erfolg führen können.
Das bedeutet: Führung muss professionell angegangen werden. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der ein Unternehmen seine Produktentwicklung oder sein Marketing plant, muss es auch seine Führungskräfte auswählen und entwickeln.
Die Investition lohnt sich. Denn nichts ist teurer als schlechte Führung – und nichts wertvoller als Menschen, die andere zum Erfolg führen können.
Symbolbild: KI generated
